Zukunft mitgestalten!
Gesundheit gestalten ...
Startseite

Das G-parlament

Arbeitsgruppen

Charta

Berlin Charta 1
Berlin Charta 2
Kurzfassung
Vorschläge

Neues und Gutes

Veranstaltungen

Foren

Kontakt


Entwurf von Dr. med. Ellis Huber (kurze Fassung):

Gesundsein im 21. Jahrhundert

Berliner Charta für ein soziales Gesundheitswesen

I. Situationsbeschreibung und Reformperspektiven

1. Gesundheit für alle
Gesundheit ist ein Maßstab für den sozialen Fortschritt der Informationsgesellschaft. Zunehmend wird Gesundheit als Ressource und Produktivfaktor für die gesellschaftliche Entwicklung gesehen und nicht mehr nur als Kostenfaktor oder Produkt medizinischer Dienstleistung. In den letzten 20 Jahren haben die Vereinten Nationen (UN) einen ausdauernden Prozeß internationaler Konsensfindung eingeleitet, der diese neue Sichtweise in politische Programme einbindet:
"Nachhaltige Gesundheit", das Leitbild der Weltgesundheitsorganisation (WHO)und
"Nachhaltige Entwicklung", das Leitbild der Umweltkonferenz von Rio
verknüpfen eine globale Wertorientierung mit lokalem Handeln. Beide Leitbilder setzen auf kommunale und regionale Aktionen und konzipieren eine ganzheitliche und neue Politik der Beteiligung. Inzwischen gibt es einen gesicherten Erfahrungsschatz und ein breites Wissen zur Umsetzung einer nachhaltigen Gesundheits- und Umweltpolitik.

Die Strategien der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung beschreiben die zentralen Aufgaben. Wir müssen
eine umfassend neue Politik institutionalisieren,
gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen,
gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen,
persönliche Kompetenzen entwickeln und
die Gesundheitsdienste neu orientieren.
Eine ganzheitliche Gesundheitspolitik ist dabei effektiver als ein sektorales Vorgehen. Örtliche Gemeinschaften, also Städte, Kommunen und Stadtteile oder soziale Gruppen (Settings) wie Nachbarschaften, Betriebe, Schulen, Familien und Bürgerinitiativen, also ein Settingansatz sind der geeignetste Ort zur Umsetzung von erfolgreichen Entwicklungsprozessen. Die Vision eines neuen, kooperativen Netzwerkes, das die alten Herrschaftsmuster des Gesundheitswesens durch eine neue Haltung und Einsicht ablöst, formulierte bereits das Programm des Gesundheitstages 1981 in Hamburg:
"Wir weigern uns, Gesundheit als Ziel zu definieren, das von uns stellvertretend für andere gesetzt wird. Es gibt viele Arten von Gesundheit, wie Formen von Schönheit oder Glück; genauso gibt es viele Wege zur Gesundheit und verschiedene Formen des Widerstandes gegen deren Bedrohung. Wir finden unseren Weg in unserem Alltag: wir überwinden die Grenzen oder die Konkurrenz zwischen den Berufsgruppen und die Entfernung zwischen Experten und Laien. Wir lernen voneinander und helfen uns gegenseitig."

Der Gesundheitstag 2000 und das Gesundheitsparlament der Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen, freien Träger, Verbände und sonstigen Nicht-Regierungs-Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland knüpfen an diese Tradition an.
Vor 20 Jahren gelang es, eine Sammlungsbewegung der verschiedensten Ansätze alternativen Denkens und Handelns aufzubauen. In Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums konnten auch alternative Projekte und Vorhaben ihre Nische finden. Heute, wo die öffentlichen Mittel knapp sind, müssen wir uns den grundsätzliche Fragen der Systemgestaltung im Gesundheitswesen stellen. Wir stellen uns damit aber in Gegensatz zu den neoliberalen Konzepten und eindeutig auf die Seite der sozial Ausgegrenzten. Deren umfassende Berücksichtigung ist für uns Maßstab einer leistungsfähigen und sozial gerechten Gesundheitsversorgung.
Die Organisationslogik des etablierten Systems ist verkehrt, an Interessen und Institutionen, nicht aber an den Menschen und ihren Bedürfnissen ausgerichtet. Die Versorgungsnetzwerke der Zukunft verlangen einen Neuaufbau der regionalen und lokalen Potenziale und eine gemeindeorientierte Gestaltung der Versorgungsstrukturen als lernende und dynamisch sich entwickelnde Organisation. Mit dem Leitbild eines Gesundheitsdienstes in sozialer Verantwortung versuchen wir ein Selbstverständnis zu formulieren, das den beteiligten Professionen und Institutionen die gemeinsame Versorgungsaufgabe bewußt macht und ihr Handeln auf ihre sozialen Werte bezieht.

Das Gesundheitsparlament fordert daher alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens auf, bei ihrer Arbeit und in ihrem Engagement diesem Leitbild zu folgen.


2. Leitbild für den Gesundheitsdienst in sozialer Verantwortung

Wir arbeiten für das Gesundheitswesen und wollen soziale Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und gleiche Heilungschancen für alle Menschen erreichen, die in Deutschland leben. Für uns ist das soziale Gesundheitssystem Bestandteil der gesellschaftlichen Kultur und Grundlage für den Zusammenhalt des Gemeinwesens. Unser fachlicher und persönlicher Einsatz sorgt sich um individuelle und soziale Gesundheit gleichermaßen.

2.1. Unsere Arbeit dient den Gesundheitsinteressen der Menschen

Als professionelle Helferinnen und Helfer im Gesundheitswesen tragen wir mit unserem Beruf individuell und gemeinsam Verantwortung für die Gesundheit der Menschen in Deutschland. Wir erfahren in unserer Tätigkeit die gesundheitliche Not von Menschen und können dadurch die gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung unmittelbar artikulieren. Diese Gesundheitsinteressen müssen wir nachhaltig gegen andere politische Interessen durchsetzen.

Als berufstätige Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter sind wir Anwalt für das Wohlbefinden unserer Patienten und Klienten, fachkundige und menschliche Begleiter in Leid und Not und dies zu Beginn, während und am Ende des Lebens sowie Teil eines Gesundheitssystems, das für alle Bürgerinnen und Bürger möglichst gute Gesundheit sichern und allen Kranken wirksam helfen will.

Wir praktizieren und helfen nach bestem Wissen und Gewissen entsprechend dem aktuellen Stand der ärztlichen, pflegerischen oder helfenden Kunst. Die Qualität und Integrität, die Beweggründe und die Folgen unseres Handelns verantworten wir vor uns selbst, vor unseren Fachkolleginnen oder Fachkollegen und vor allem vor den Menschen, die wir betreuen und behandeln.

2.2. Das Gesundheitssystem verstehen wir als soziales Netzwerk

Als Angehörige der verschiedenen Gesundheitsberufe oder als Beschäftigte der unterschiedlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens stehen wir mit unserer fachlichen Kompetenz auch für die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems ein. In diesem sozialen Organismus ist jedes Teil, Krankenhaus und Praxis, Sozialstation oder Gesundheitszentrum, für die optimale Funktion des Ganzen mit verantwortlich. Alle helfenden Personen und Institutionen sind daher wichtig, aufeinander angewiesen und zur uneigennützigen Kooperation verpflichtet.

In diesem Bewußtsein ordnen und regeln wir gemeinsam mit den Solidargemeinschaften der gesetzlichen Krankenversicherung und den gesundheitspolitisch Verantwortlichen die Gestalt des Gesundheitssystems, die Kommunikationsverhältnisse und das Miteinander der einzelnen Akteure.

Wir respektieren dabei die Begrenztheit der gesellschaftlichen Ressourcen und die daraus abgeleitete Pflicht zum optimierten Mitteleinsatz. Wir wollen Gesundheit für alle zu günstigen gesellschaftlichen Kosten umsetzen und unser Zusammenwirken entsprechend gestalten.

2.3. Unser Denken und Handeln folgt einem ganzheitlichen Menschenbild

Gesundheit ist immer ein individuelles und gesellschaftliches Gut. Krankheit äußert sich gleichzeitig in körperlichen, seelischen und sozialen Bezügen. Genetische Bedingungen, Person und Kultur des Menschen sind bei Krankheiten miteinander verwoben. Heilende und
kränkende Kräfte beeinflussen alle Ausdrucksweisen des menschlichen Lebens. Bei unserer Tätigkeit berücksichtigen wir diese komplexen Wechselbeziehungen und stimmen unser Handeln darauf ab.

Die Kunst des Heilens, Pflegens und Helfens umfaßt in der Regel pathogenetische und salutogenetische Erkenntnisse, individuelles und soziales Eingreifen, personen- und bevölkerungsbezogene Hilfen. Ein bio-psycho-soziales Verständnis von Gesundheit und Krankheit begründet daher in Theorie und Praxis unsere Gesundheitsförderung, Medizin und Pflege.

Auf der Grundlage dieses Menschenbildes verbietet sich jede Aufspaltung menschlicher Hilfsbedürftigkeit in akut oder chronisch krank, körperlich oder psychisch leidend und medizinisch behandlungsbedürftig oder pflegebedürftig.

Ein menschliches Gesundheitssystem benötigt eine integrierte Gesundheitsversicherung als Kostenträger der ganzheitlichen Patientenbetreuung und Gesundheitsförderung. Die bisherige Aufspaltung der Kostenträger verunmöglicht die Gestaltung einer ganzheitliche Hilfe für kranke Menschen. Daher treten wir für integrierte Versorgungsweisen ein, die alle bisherigen Kostenträger miteinander vernetzen. Die unterschiedlichen Professionen im Gesundheitssystem müssen durch geeignete Selbstorganisation und Selbstverwaltung eine ganzheitliche Gesundheitsversorgung sicherstellen können. Eine sektorale oder berufsständische Zuordnung von Sicherstellungsaufträgen ist nach unserer Überzeugung nicht mehr problemgerecht.

2.4. Unsere Aufgaben lösen wir gemeinsam mit den Patienten

Wir Angehörigen der verschiedenen Gesundheitsberufe definieren für den einzelnen Menschen und seine sozialen Gemeinschaften entsprechend dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und unserer beruflichen Erfahrung eine zweckmäßige, wirksame, menschlich sinnvolle und ausreichende Betreuung, Medizin und Pflege bei Krankheit und Gesundheitsgefahren.

Unser jeweiliger Beruf verpflichtet uns zur umfassenden Qualitätskontrolle unseres Handelns in Theorie und Praxis mit ihren jeweiligen Strukturen, Prozessen und Ergebnissen. Dies gilt für die individuelle, fachliche Tätigkeit im Gesundheitssystem ebenso wie für den Beitrag unserer Profession für das Gesundheitswesen insgesamt.

Wir wissen bei unserer Tätigkeit um die Grenzen der Medizin, die Endlichkeit des menschlichen Lebens und die ökologischen Widersprüche der gesellschaftlichen Verhältnisse. Gesundheit als Ziel unserer Hilfe respektiert die subjektiven Bedürfnisse und Interessen der Menschen und nutzt die Möglichkeiten von Medizin und Pflege, um dem einzelnen Patienten trotz körperlichem, seelischem oder sozialem Handicap ein Mehr an Autonomie in seinem Leben zu verschaffen.

Unabdingbare Voraussetzung für die Qualität unseres Tuns ist dabei die Transparenz aller Maßnahmen und Handlungen und die Beteiligung der Menschen an unseren Entscheidungen.

2.5. Unsere Leistung ist Hilfe zur Autonomie

Professionelle Leistungen im Gesundheitssystem bewerten wir danach, ob sie die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des einzelnen Patienten verbessern und unnötige Abhängigkeiten von Personen, Methoden oder Institutionen der Gesundheitsversorgung vermeiden.

Wir wollen mit möglichst wenig medizinischem oder pflegerischem Aufwand ein Optimum an selbständiger Problembewältigung und Heilung für den kranken Menschen erreichen. Wir machen keine medizinischen Eingriffe oder pflegerische und gesundheitsförderliche Handlungen ohne Nutzen für den Patienten. Wir behandeln alle, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen, immer so, wie wir selbst in gleicher Lage behandelt werden wollen.

Praktische Medizin, Krankenpflege oder Gesundheitsförderung ist für uns primär helfende Begegnung und heilende Beziehung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigem und erst in zweiter Linie medizinisch-technische, pharmakotherapeutische oder von außen kommende Intervention. Die ärztliche und pflegerische Kunst und die Persönlichkeit des professionellen Helfers gestalten wesentlich den therapeutischen und pflegerischen Prozeß. Die Arbeitsbedingungen, die Strukturen und die sonstigen Abläufe des Gesundheitswesens müssen so gestaltet sein, dass sie die Heilkraft der individuellen therapeutischen und pflegerischen Beziehung unterstützen und nach Bedarf auch eine zeitaufwendige, fallbezogene Problembewältigung oder Gesundheitsförderung ermöglichen.

2.6. Wir verhalten uns den Menschen zugewandt, kooperativ und offen

Wir Angehörige der Gesundheitsberufe üben unseren jeweiligen Beruf frei aus. Wir folgen dabei den kulturgeschichtlich gewachsenen, allgemein verbindlichen Normen der Menschenwürde, der ärztliche Ethik und der sozialen Gerechtigkeit. Ehrfurcht vor dem Leben leitet unser Denken und Handeln an. Im Konflikt zwischen individuellen und kollektiven Interessen stehen wir auf der Seite der Armen, Kranken und Schwachen. Wir sorgen damit für eine Beteiligung aller Menschen am sozialen Leben entsprechend ihrer jeweiligen individuellen Fähigkeiten.

Wir wollen keine hierarchischen Beziehungen zwischen Ärzten und anderen Berufsgruppen, die nicht auf persönlicher Autorität beruhen. Teamarbeit, ein offener und kooperativer Führungsstil, die Bereitschaft zu Selbstkritik und ein ehrlicher Umgang mit den Fehlern und Schwächen unseres Denkens und Handelns bestimmen unsere Tätigkeiten.

Jede und jeder von uns trägt Verantwortung für die Zukunft des Gesundheitssystems. Unser berufliches Selbstverständnis motiviert uns, eine kontinuierliche Erneuerung des Gesundheitssystems im Interesse der Menschen und ihrer Gesundheit zu übernehmen.


3. Das gesundheitspolitische Potenzial der Zivilgesellschaft
Das erste Gesundheitsparlament repräsentiert das gesundheitspolitische Potenzial der Zivilgesellschaft. Die beteiligten Vereinigungen vertreten in Theorie und Praxis und mit ihrer Verpflichtung auf gemeinnütziges Handeln unmittelbare Gesundheitsinteressen der Bürgerinnen und Bürger. Das Gesundheitsparlament der BürgerInnengesellschaft ist also eine konstruktive Antwort auf den aktuellen Veränderungsdruck und den tatsächlichen Reformbedarf des Gesundheitssystems. Sein Ziel ist es, die gesundheitlichen Interessen der Gesellschaft auf neue Weise sichtbar zu machen und die gesundheitspolitischen Blockaden aufzubrechen, die Parteien, Ministerien, Verbände, Körperschaften oder Wirtschaft daran hindern, die Gesundheitsprobleme kooperativ zu lösen.

Die bundesdeutsche Gesellschaft ruht auf den Säulen
eines demokratischen Staatswesens,
einer sozialen Marktwirtschaft und
dem Dritten Sektor der Zivilgesellschaft.

Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander und bilden miteinander agierende Wirkkräfte für die gesellschaftliche Produktivität und die soziale Entwicklung. Die Gesundheit der Bevölkerung hängt wesentlich davon ab, wie ausgleichend das Zusammenspiel von staatlicher Machtausübung, geldgesteuertem Markt und sozialer Selbstorganisation gelingt. Das Gesundheitssystem wird so zum Schlüssel für eine wirtschaftlich erfolgreiche und sozial attraktive Gesellschaft von morgen. Mit seiner Wirtschaftskraft, seinen humanen Werten und seiner sozialen Bedeutung kann es eine neue Balance zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft herstellen.

Die Bürgerorientierung des Gesundheitssystems, die Umsetzung einer Integrierten Medizin und die Gestaltung einer Integrierten Gesundheitsversorgung sind die zentralen Herausforderungen für die Reanimation des Sozialen in Deutschland und die Pflege des Gemeinwohls in der Informationsgesellschaft.


4. Neue Leitbilder für die Gesundheitspolitik
Das Leitbild eines Gesundheitsdienstes in sozialer Verantwortung bewertet eine konsequente Orientierung der Gesundheitsversorgung an sozialen Zielen und gesellschaftlichen Werten höher als die monetären Interessen von einzelnen Gruppen oder Institutionen. Diese Sicht der Dinge fordert auch von der Gesundheitspolitik eine grundlegende Neuorientierung.

Das Gesundheitssystem der Informationsgesellschaft wird mit gleicher Anstrengung gegen Krankheiten vorgehen und für Gesundheit sorgen. Die krankheitszentrierten Interventionsstrategien der Industriekultur werden mit den gesundheitsorientierten Entwicklungsprozessen des Informationszeitalters so verknüpft, daß im Gesundheitssystem der Zukunft beide Wege als gleich wichtig gelten und auch gleichberechtigt genutzt werden. Die auf dem Gesundheitstag 2000 gestartete "Salutive" (Salutogenese und Bürgerinitiative) organisiert diesen Modernisierungsprozeß mit neuen Instrumenten, Strukturen und Handlungsweisen.

5. Neue Ordnungsmuster

Ausgehend vom Leitbild des Gesundheitsdienstes in sozialer Verantwortung stehen in der Bundesrepublik Deutschland sechs zentrale Ordnungsmuster zur Diskussion, die reflektiert und konsequent modernisiert werden müssen:

5.1. Integrierte Medizin:
In Theorie und Praxis von Medizin und Pflege muß ein radikal neues Konzept realisiert werden, das gesundheitsförderliche (salutogene) und krankheitsbekämpfende (pathogene) Maßnahmen umfaßt. Die Gesellschaft beeinflußt die Gesundheit der Bürger durch die von ihr erzeugten Risiken und durch die von ihr bereitgestellten Gesundheitspotentiale. Mensch und Umwelt, Körper und Seele, Individuum und soziales Gefüge sind durch kontinuierliche Wechselwirkungen miteinander verknüpft. Kränkende und heilende Faktoren wirken gleichermaßen auf das Individuum ein und dieses prägt mit seinem Verhalten auch die sozialen Verhältnisse.

Medizin und Pflege muß den einzelnen Menschen ermuntern, möglichst selbstbestimmt und selbstverantwortlich mit seiner Lage fertigzuwerden. Gesundheit heißt Autonomie für die betroffene Person: Autonomie trotz eines körperlichen, seelischen oder sozialen Handicaps. Autonomie ist also das 'Produktionsziel' einer sozial verantwortlichen Heilkunst.

Bisher ist das Gesundheitswesen zu einseitig auf die konventionelle Schulmedizin ausgerichtet. Der eingeschränkte Horizont der herkömmlichen Naturwissenschaft hat ein ganzheitliches und psychosoziales Gesundheitsverständnis an den Rand gedrängt und die Naturheilverfahren und alle anderen Heilweisen ausgegrenzt, die den gesundheitswissenschaftlichen Beweis ihres Nutzens längst erbracht haben.
Zukünftig sollen bewährte Heilverfahren aus den verschiedensten medizinischen Richtungen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Das Gesundheitswesen braucht Wahlfreiheit und keine Ausschließlichkeitsansprüche durch medizinische Dogmen.

5.2. Integrierte Versorgung:
Das Gesundheitssystem ist als ein vernetzter Organismus zu gestalten, in dem das Zusammenspiel aller Akteure am Gesamtnutzen ausgerichtet wird. Krankenkassen und Dienstleister sind gemeinsam für das Gelingen der Versorgungsprozesse verantwortlich, Indikationsmacht und Finanzierungsgewalt dürfen nicht aufgespalten werden. Dies setzt eine grundlegend neue Definition von Leistungen im Gesundheitswesen voraus. Das jetzige Finanzierungsgefüge ist nicht in der Lage das System leistungsbezogen, aufgabenorientiert und ökonomisch zu steuern.
Bisher ist das Honorarsystem für ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte so angelegt, das es Abrechungsmanipulationen und Korruption geradezu herausfordert. Dieses Honorarsystem muß radikal vereinfacht und grundsätzlich umgestellt werden, da es die Qualität und die soziale Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens beschädigt.

In den Krankenhäuser dominiert nach wie vor eine leistungshemmende Hierarchie. Berufliches Fortkommen wird an Willfährigkeit und Unterwürfigkeit gegenüber den herrschenden Strukturen geknüpft. Qualitätsorientierte und berufsgruppenübergreifende Teamarbeit wird behindert, Einkommen ist nicht von wirklicher Leistung abhängig.

Zukünftig sollen Ärzte und Ärztinnen ein angemessenes Pauschalhonorar erhalten, das sich an der aufgewendeten Betreuungszeit ausrichtet. Zeitbezogene Honorare verknüpft mit einem kontinuierlichen, ergebnisorientierten Qualitätsmanagement sind am besten geeignet, komplexe Leistungen gerecht und motivierend zu bewerten. Zeithonorare geben Ärztinnen und Ärzten wieder den Freiraum, ihrer eigentlichen Profession nachzugehen und sich um die Gesundheit ihrer Patienten ganzheitlich zu kümmern. Sie müssen ausreichend Zeit für ihre Patienten haben, ohne daß ihr eigenes Honorar davon abhängt.

5.3. Solidarische Regelversicherung und individuelle Wahlmöglichkeiten:
Eine Neugestaltung und radikale Vereinfachung des Krankenversicherungssystems ist notwendig - mit einer Pflichtversicherung für alle und Wahlmöglichkeiten für jeden. Die solidarisch finanzierte "Gesundheitsversicherung" deckt dann den medizinischen Bedarf ab, also eine Basisversorgung auf hohem Niveau und mit allen Hilfen, die im Krankheitsfall nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und der ärztlichen Erfahrung nützlich, wirksam und vernünftig sind. Private Zusatzversicherungen oder Zahlungen übernehmen die zusätzlichen Bedürfnisse, also die Dienstleistungen, die gut tun und das Wohlbefinden stärken, aber keinen von der individuellen Entscheidung unabhängigen Gesundheitsnutzen besitzen.
Gesetzliche und private Krankenversicherung müssen rechtlich gleichgestellt werden und beide Kassensysteme sollen künftig - ähnlich wie bei dem Modell der Schweiz - Regelversorgung und Wahlmöglichkeiten anbieten können. Eine solche Gliederung des Versorgungssystems stellt einen viel vernünftigeren Ausgleich zwischen Individualismus und gesellschaftlicher Solidarität sicher, als das bestehende Ordnungsmuster.
Die bisherige Aufspaltung der Finanzierungsverantwortung für gesundheitliche Dienstleistungen in Pflegeversicherung, Krankenversicherung, Unfallversicherung und Rentenversicherung muß mit einer integrierten "Gesundheitsversicherung" überwunden werden.
Die heutige Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung auf der Basis der Lohneinkünfte reicht nicht mehr aus. Eine Berücksichtigung von Kapitaleinkünften (Gesundheitssteuer) und Sonderabgaben für gesundheitsgefährdende Produkte lösen das Problem einer sinkenden Lohnquote und einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit.

5.4. Prozeßsteuerung und individuelles Versorgungsmanagement:
Die Versorgungsprozesse müssen auf ein individuelles "Case-Management" umgestellt werden, das im Einzelfall für kranke und hilfsbedürftige Menschen die sinnvollste und beste Hilfe quer zu den heutigen Versorgungssektoren und institutionellen Grenzen organisiert.
Das Individuelle Case-Management wird zum neuen Strukturmuster der Versorgungsprozesse, das die bisherige sektorale Gliederung ablöst und eine integrierte Gesundheitsversorgung sicherstellt. Dies läßt sich nur realisieren, wenn die Professionen und Institutionen, Ärzte und Krankenkassen, Dienstleister und Finanziers eine systemische Sicht übernehmen und zu einem neuen Miteinander finden

5.5. Stärkung der Patientenrechte und der unabhängigen Patientenberatung
Bisher ist das Verhältnis der Patienten zu ihren Ärzten und zu ihrer Krankenkasse von einseitiger Abhängigkeit geprägt. Das Leitbild eines informierten, selbstverantwortlichen und mündigen Patienten scheitert an der fehlenden Informations- und Leistungstransparenz. Patienteninformationssysteme, Gesundheitsdaten und qualifizierte Beratungsangebote sind nicht flächendeckend verfügbar oder sie sind durch Partikularinteressen verfremdet.
Zukünftig müssen qualitativ hochwertige Informationen zur Gesundheitsversorgung benutzerfreundlich aufbereitet und allgemein zugänglich sein. Der mündige Patient benötigt eine entsprechende Infrastruktur, um für seine Bedürfnisse und Interessen handlungsfähig zu sein. Die Rechtsstellung der Patienten bedarf einer deutlichen Stärkung.

5.6. Absicherung der Gesundheitsförderung und der sozialen Verantwortung
Bisher ist das Gesundheitssystem nicht auf die Methoden und Möglichkeiten der Gesundheitsförderung ausgerichtet. Die medizinischen Dienste produzieren Abhängigkeit statt Autonomie für die Patienten und Hilfesuchenden. Die Lobby der Professionen und Institutionen stellt zu sehr eigennützige Interessen über das Gemeinwohl und die Funktionärseliten werden ihrer sozialen Verantwortung zu wenig gerecht.
Gesundheitsförderung und Selbsthilfeunterstützung benötigen eine klare und gesetzlich fixierte Basis. Die Führungskräfte in der ärztlichen Selbstverwaltung, bei Krankenkassen und den medizinischen Diensten müssen ihre Tätigkeit in sozialer Verantwortung verstehen und nachweislich und nachvollziehbar für das Gemeinwohl arbeiten. Dies erfordert ein völlig neues Selbstverständnis von den Beteiligten und eine kooperative Führungskultur im Versorgungssystem. Die Verantwortung für das regionale Versorgungsmanagement und die Controlling- oder Qualitätssicherungsfunktionen benötigt einen gemeinsamen Träger neuer Art.

Die bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Integrierten Versorgung, zu den Modellvorhaben zum Patientenschutz oder zum Qualitätsmanagement lassen eine Entwicklung in diese Richtungen tendenziell zu.
Das Gesundheitsparlament fordert alle Beteiligten auf, diese neuen Möglichkeiten offensiv und vielfältig zu nutzen.


6. Gesundheit für den einzelnen Menschen und die gesamte Bevölkerung

Gesundheit ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen und von wesentlicher Bedeutung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.

"Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, daß man sich um sich selbst und für andere sorgt, daß man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, daß die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen. Gesundheit ist eine zentrale gesellschaftliche Ressource und auch Maßstab für den gesellschaftlichen Fortschritt".

So beschreibt die Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung die neue Perspektive und den vor uns liegenden Weg in die Zukunft.

Das Gesundheitssystem der Bundesrepublik Deutschland durchläuft eine Phase des Umbruchs und der strukturellen wie kulturellen Unsicherheit, in dem das Verhältnis zwischen solidarischer Sicherheit und individueller Eigenverantwortung neu ausgehandelt wird. Zwischen Markt und Staat kann der Dritte Sektor das soziale Auseinanderdriften unter den Bedingungen der Globalisierung auffangen und das soziale Bindegewebe neu stabilisieren. Die Zivilgesellschaft muß dazu ihre gesundheitspolitischen Bedürfnisse auf neue Art und Weise zur Geltung bringen und kontinuierlich artikulieren. Diesem Ziel dient die Institutionalisierung des Gesundheitsparlamentes.

Der fürsorgliche Wohlfahrtsstaat ist den heutigen Problemen von Individualisierung und Vereinzelung, von sozialer Not und gesundheitlicher Gefährdung nicht mehr gewachsen. Der Kapitalismus löst die zentralen gesundheitlichen und sozialen Fragen ebenso wenig. Das Zukunftskonzept der Bürger- und Zivilgesellschaft fordert daher weniger Staat und mehr Gesellschaft, günstige Rahmenbedingungen für Eigeninitiative, Selbsthilfe, freiwilliges Engagement und dezentrale Netzwerke des solidarischen Miteinanders.

Mehr Gesundheit wird vor allem durch eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Lebens- und Arbeitswelten, der sozialen Beziehungen und der individuellen wie kollektiven Verhaltensweisen erreicht. Die gleichen Faktoren helfen auch bei der Überwindung von Krankheiten. Der Einfluß von kurativer Medizin auf die Lebensqualität, die Funktionsfähigkeit und die Gesundheit von Menschen oder auf die Morbidität und Mortalität in der Gesellschaft sind demgegenüber begrenzt.

Die Industriekultur versteht Gesundheit als Zustand ungestörter Leistungsfähigkeit und Krankheit als reparaturbedürftigen Maschinenschaden. Die Informationskultur begreift Gesundheit als kontinuierlichen Lebensprozess und Krankheit als Zeichen in einem gestörten Beziehungsgeflecht. Das mechanistische Menschenbild in der Medizin und Krankenversorgung wird durch eine biopsychosoziale Sichtweise abgelöst. Die Humanmedizin und die Krankenpflege des Kommunikationszeitalters entwickeln in Theorie und Praxis ein ganzheitliches und systemisches Umgehen mit den Gesundheitsproblemen der Menschen.

Das Gesundheitsparlament als Ort der Diskussion und Instrument zur Kommunikation beschleunigt und aktiviert diesen Prozeß.


7. Funktion und Aufgabe der Gesundheitspolitik

Gesundheitspolitik umfaßt alle Aspekte der gesellschaftlichen Anstrengung zur Förderung, zum Schutz und zur Wiederherstellung von Gesundheit und zur Abwehr und zur Bewältigung von Krankheit. Sie gestaltet also den gesellschaftlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit und sie organisiert das soziale Management der Gesundheitsrisiken vor und nach ihrem Eintritt und der Krankheitsprobleme vor und nach ihrem Auftreten Das Ziel der Gesundheitspolitik ist die Entwicklung von Lebensbedingungen und Lebensverhältnissen, die krankheitsbedingte Einschränkungen der Lebensqualität und das vorzeitige Sterben von Menschen verhindern.

Um dieses Ziel zu verwirklichen muß Gesundheitspolitik mit allen verfügbaren Möglichkeiten der Gesellschaft
krankmachende Belastungen für den einzelnen und für Bevölkerungsgruppen mindern,
gesundheitsdienliche Ressourcen individuell und kollektiv fördern und
die dafür notwendigen Fähigkeiten und Haltungen , Hilfen und Versorgungsdienste, Unterstützungsverfahren und Behandlungsmethoden bereitstellen.


8. Auf dem Weg in die Zukunft

Gesundheitspolitik geschieht auf internationaler und nationaler Bühne (Makro-Ebene), in regionalen und kommunalen Beziehungsnetzen oder in großen und kleinen Organisationen und Verbänden (Meso-Ebene) und im direkten Zusammenspiel von Akteuren und Betroffenen in den vielfältigen Einrichtungen und Diensten des Gesundheitswesens (Mikro-Ebene). Im Bereich der Gesundheits- und Umweltpolitik hat sich auf der internationalen Ebene ein grundlegenden Wandel (Paradigmawechsel) der bisherigen Sichtweisen und Bewertungen ereignet. Die Programme der "Gesundheitsförderung" und der "nachhaltigen Entwicklung" streben eine systematische Umgestaltung der Lebensbedingungen zum Wohle der Menschen an.

"Gesundheit ist ein grundsätzliches Menschenrecht und wesentlich für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.(...)
Durch Investitionen in Gesundheit und konkrete Aktionen beeinflußt Gesundheitsförderung die Determinanten von Gesundheit. Dadurch wird der größtmögliche Gesundheitsnutzen für die Menschen erreicht, was wiederum deutlich zu einer Verringerung von Ungleichheiten im Gesundheitszustand der Bevölkerung beiträgt und damit die Verwirklichung der Menschenrechte fördert und die menschlichen Ressourcen der Gesellschaft weiterentwickeln hilft. Das wichtigste Ziel der Gesundheitsförderung liegt in der Steigerung der Lebenserwartung, wodurch die Unterschiede zwischen Ländern und bestimmten Bevölkerungsgruppen verringert werden." ("Jakarta-Erklärung zur Gesundheitsförderung", 4. Intern. Konferenz der WHO, 1997)

Eine Gesellschaft, die das verfügbare Geld ausschließlich in Gesundheitsdienste steckt und die Investitionen für gesundes Leben vernachlässigt, verschlechtert mit den steigenden Kosten für die Medizin gleichzeitig die gesundheitliche Lage der Bevölkerung.
Eine moderne Gesundheitspolitik achtet auf die Entwicklungsressourcen für individuelle und soziale Gesundheit und setzt radikal neue Prioritäten. Ihre Aufgabe ist es:

· vorrangig Gesundheit herzustellen und nicht nur Krankheit zu verwalten,
die Ressourcen so zu investieren, daß der größte gemeinschaftliche Gesundheitsnutzen erreicht wird,
die Ungleichheit der gesundheitlichen Chancen innerhalb der Gesellschaft systematisch zu verringern und
den Beitrag der individuellen und sozialen Gesundheit für die gesellschaftliche Entwicklung und die allgemeine Lebensqualität kontinuierlich zu steigern.

In der Informationsgesellschaft ist die biopsychosoziale Gesundheit der Menschen also nicht Abfallprodukt der Volkswirtschaft sondern Produktivfaktor wie Arbeit, Kapital oder Grund und Boden. Das Gesundheitswesen ist für das zukünftige Fortkommen der Gesellschaft so bedeutsam wie Straßen und Schienen für das Auto und die Eisenbahn oder die Datenübertragung für das Internet und die Telekommunikation.


9. Gesundheit 21: das aktuelle Leitprogramm der Weltgesundheitsorganisation für Europa

Die Gesundheit 21-Politik für die Europäische Region der WHO zielt darauf ab, daß alle Menschen das ihnen mögliche Gesundheitspotential voll entfalten können.
Die beiden pragmatischen Hauptziele lauten:

· Förderung und Schutz der Gesundheit der Bevölkerung während des gesamten Lebens.
Verringerung der Inzidenz (des Auftretens) der wichtigsten Krankheiten und Verletzungen und der damit verbundenen Leiden.

Die ethische Grundlage für die Gestaltung des Gesundheitswesens umfaßt drei Grundwerte:

· Gesundheit ist ein fundamentales Menschenrecht.
Gesundheitliche Chancengleichheit und Solidarität müssen die Verhältnisse in der Gesundheitsversorgung bestimmen.
Partizipation und Rechenschaftspflicht des einzelnen Menschen und der beteiligten Gruppen, Institutionen, Organisationen und Sektoren sind verpflichtender Bestandteil des Handelns im Gesundheitswesen.

Um sicherzustellen, daß wissenschaftliche, wirtschaftliche, soziale und politische Nachhaltigkeit die Gesundheitsentwicklung und die Maßnahmen der Gesundheitsversorgung leitet, werden von der WHO vier Hauptstrategien als übergreifendes Prinzip vorgegeben:

· Nur ganzheitliche und berufsgruppenübergreifende (multisektorale) Ansätze und gesellschaftspolitische Querschnittsprogramme können die relevanten gesundheitlichen Aspekte integrieren und die physischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und geschlechtsspezifischen Einflüsse auf die Gesundheit verläßlich berücksichtigen oder in ihren Wirkungen angemessen bewerten.
Die Investitionen und Programme zur gesundheitlichen Entwicklung und zur klinischen Versorgung müssen sich am Gesundheitsresultat und am Ergebnis für die betroffenen Menschen ausrichten.
Die Basis des Gesundheitssystems ist eine integrierte, familien- und gemeindeorientierte primäre Versorgung, die durch ein flexibles, reaktionsfähiges Krankenhaussystem unterstützt wird.
Der Gesundheitsentwicklungsprozeß muß partizipatorisch gestaltet sein, also die relevanten Partner (Familie, häusliche Situation, Schule, Arbeitsplatz, soziale Netze, regionale Gemeinden, kulturelle Gemeinschaften oder Länder) berücksichtigen und bei den Entscheidungen, der Umsetzung und der Rechenschaftslegung über die Gesundheitsversorgung muß ein gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten gefördert werden.

Die bestehenden und geplanten Aktionsprogramme der Europäischen Union zielen in die gleiche Richtung und arbeiten ebenfalls ziel- und ergebnisorientiert an einer neuen Gesundheitspolitik. Inzwischen gibt es in Europa eine breite soziale Bewegung für eine Erneuerung der gesundheitlichen Versorgungssysteme. Darin liegt eine epochale Chance, die auch in Deutschland genutzt werden sollte.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt allen Akteuren des deutschen Gesundheitswesens, diese internationalen Entwicklungsprozesse wahrzunehmen und in die Praxis umzusetzen. In diesem Sinne fordert das Gesundheitsparlament einen Ab- und Umbau der staatlichen Strukturen und neue gesetzlich geschützte Räume für die gesellschaftliche Kreativität und Selbstverantwortung von Nichtregierungsorganisationen.

Die von der WHO verabschiedeten 21 Ziele sind ein "roter Faden" an dem entlang die Neuorientierung und der Wandel des Gesundheitswesens diskutiert, konzeptionell geklärt und langfristig realisiert werden kann. Daher rufen wir alle Beteiligten auf, sich an diesem Prozess zu beteiligen und den vorliegenden Programmentwurf zu ergänzen, zu verbessern und für die Tagung des Gesundheitsparlamentes im Jahr 2001 konkret auszufüllen.


II. Eckpunkte und 21 Ziele für ein soziales Gesundheitswesen

10. Gesundheitliche Chancengleichheit durch solidarisches Handeln sichern

10. 1. Solidarität und Subsidiarität

Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind eindeutig:
Armut nach Einkommen, sozioökonischem Status, Lebensbedingungen oder Ausbildungsstand sind die größten Risikofaktoren für Krankheit und kürzeres Leben.
Arbeitslosigkeit und Arbeitsplatzunsicherheit wirken sich nachteilig auf die Gesundheit aus.
Bildung ist die wichtigste Gesundheitsressource und das Bildungsniveau eines Menschen nimmt prägenden Einfluß auf seine Krankheiten und Lebenserwartung.
Männer sterben früher als Frauen, und Frauen leiden länger und schwerer an Krankheiten als Männer.
Ethnische Minderheiten, Immigranten und Flüchtlinge sind überproportional in ihrer Gesundheit gefährdet.
Körperlich und geistig behinderte Mitbürgerinnen und Mitbürger benötigen besondere Hilfen und Einrichtungen, damit sie sich am sozialen Leben beteiligen können.

Zwischenmenschliche Solidarität und soziale Gemeinschaften sind die zentrale Gesundheits-ressource. Wenn das gesellschaftliche Bindegewebe unter Spannung steht, steigen Morbidität und Mortalität in der Bevölkerung deutlich an. Soziale Gesundheit und individuelles Wohlbefinden sind miteinander verknüpft. Das Gesundheitswesen mit seinen humanitären Werten und seiner gesellschaftlichen Funktion muß für die Informationsgesellschaft das notwendige soziale Bindegewebe bereitstellen.

Deshalb setzt sich das Gesundheitsparlament für eine Gesundheitspolitik ein, die soziale Ausgrenzung und Benachteiligung durch intensive, psychosoziale Dienste abbauen hilft. Das Gesundheitswesen ist für diese soziale Not primär Kontaktfläche und bevorzugter Kommunikationsraum. Projekte und Konzepte, die gesundheitliche und medizinische Betreuung mit psychosozialer Integrationshilfe und Selbstorganisation verknüpfen, sind unter den bestehenden Strukturen des Gesundheitssystems in der Regel genauso benachteiligt wie ihre Klienten. Eine Gesundheitspolitik, die gesellschaftliche Marginalisierung, Armut und sozialen Ausschluß (New Labour spricht von Exklusion) vermeiden will, muß die Chancengleichheit der Bürgerinnen und Bürger durch die bewußte Privilegierung inklusiver oder sozial integrierender Gesundheitsprojekte anstreben. Das Gesundheitssystem kann die soziale Ungleichheit nicht ungeschehen machen. Wenn es sie aber noch verstärkt, ist es nicht mehr sozialDas soziale Gesundheitssystem muß daher kontinuierlich und systematisch
soziale Ungleichheit zwischen den Menschen und zwischen Frauen und Männern abbauen,
Arbeitsmöglichkeiten für die Menschen ausbauen und
Mitbürgerinnen und Mitbürger mit körperlichen, seelischen oder sozialen Handicaps bevorzugt in das soziale Leben integrieren.
Eine solche Zielsetzung erfordert Gestaltungsfreiheit für lokale und kommunale Initiativen. Solidarität mit den wirklich Hilfsbedürftigen muß subsidiär und frei von zentralistischer Bürokratie oder Bevormundung durch Sozialversicherungsträger und Krankenkassen erfolgen können. Das Gesundheitsparlament rät daher zur Einrichtung regionaler, weitestgehend selbstverwalteter Fonds, die aus den verschiedenen Zuständigkeiten gespeist und aus denen integrierte Versorgungskonzepte finanziert werden können. Die Aufspaltung der Finanzierungsverantwortung desintegriert die Versorgungspraxis und verhindert mögliche Synergien, die zu einer nachhaltig ökonomischeren Problembewältigung beitragen würden. Subsidiäre Solidarität und ein vergleichender Markt der Projekte und Konzepte könnte Verwaltungskosten und Verhandlungszeit in die unmittelbare Versorgung der Betroffenen umschichten.

10. 2. Gesundheitliche Chancengleichheit
Die sozioökonomischen Unterschiede innerhalb der Bevölkerung sind der empfindlichste Indikator für die Bedrohung der individuellen wie sozialen Gesundheit. Das dadurch verursachte Gesundheitsgefälle kann das Gesundheitssystem nicht aufheben. Es ist aber Aufgabe und Pflicht eines sozialen Gesundheitswesen, die gesundheitliche Chancengleichheit als eigenständiges Handlungsziel zu sehen und in der Bevölkerung für eine aufgeklärte, sozioökonomische Ausgleichspolitik Verständnis zu wecken.
Das Gesundheitswesen in Deutschland ist der gesellschaftliche Raum, in dem benachteiligte Menschen am stärksten erfahren, ob sie beteiligt werden, eine eigene Würde besitzen und auf Mitmenschlichkeit bauen können. Das soziale Gesundheitssystem ist auch die wichtigste Schule einer mitmenschlichen Gesellschaft.

11. Bessere Gesundheit für die Menschen in Deutschland

11.1. Gesundheit und Lebenslauf
Kritische Übergangsphasen und besondere Ereignisse im menschlichen Leben wirken sich auf die Gesundheit der Menschen aus. Ein modernes Gesundheitssystem vertritt mit seinen Hilfen und Diensten daher einen lebensbegleitenden Ansatz und versucht möglichst frühzeitig die Gesundheitspotentiale des einzelnen zu stärken

Die meisten Zivilisationskrankheiten entwickeln sich über einen langen Zeitraum und hängen eng mit den individuellen Lebensweisen zusammen. Investitionen in die Gesundheitsbildung und in die Gesundheitsförderung zahlen sich aus und sind nachhaltig wirksamer als eine Reparaturmedizin, die erst aktiv wird, wenn der Schaden eingetreten ist. Das individuelle Case-Management muß daher den Lebensverlauf als Orientierung nutzen und die Strukturen des Gesundheitssystems so gestalten, daß die Kontinuität der Betreuung gewährleistet ist. Die Grundlagen der physischen und der psychischen Gesundheit werden in den frühen Phasen des Lebens gelegt.

11.2. Ein gesunder Lebensanfang
Ein soziales Gesundheitssystem muß Kindern mit höchster Priorität einen gesunden Lebensanfang ermöglichenEine gesunde Geburt bildet die Grundlage für ein gesundes Leben, und die Investitionen in die Jugendgesundheit sind ein zentraler Maßstab für das Gesundheitsinteresse der Gesellschaft insgesamt.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt, die WHO-Kriterien und -Leitlinien der "Initiative Babyfreundliches Krankenhaus" und zur "Intergrierten Betreuung des kranken Kindes" zu übernehmen und neue, wirksamere Dienste auf lokaler Ebene umzusetzen. Der Internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten wird auch in Deutschland nicht eingehalten. In allen relevanten Gesundheitseinrichtungen muß einer sanften Geburtshilfe und einer natürlichen, möglichst wenig medikalisierten Betreuung von Müttern und kleinen Kindern Priorität zugemessen werden.

11.3. Gesundheit junger Menschen
"Menschen bleiben gesund, wenn sie zuversichtlich sind, dass sie mit ihrem Leben zurecht kommen und dass ihr Leben einen Sinn hat und wenn sie über entsprechende Mittel verfügen, um alle an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Von Kindheit an muß sich ein Gefühl des Zusammenhalts und der Zugehörigkeit entwickeln; Erfahrungen in der Familie, im Kinder-garten, in der Schule und im Rahmen der Gesundheitsversorgung spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie vermitteln jungen Menschen durchgehend die gleiche Botschaft und stellen sicher, dass sie sich die Mittel und Problembewältungskompetenzen aneignen, die sie für ihr Leben benötigen." (EUR/RC 48/10, S.27)

Das Gesundheitsparlament empfiehlt, die Erfahrungen aus dem Programm gesundheitsförderlicher Kindergärten zu nutzen und die erprobten Bildungskonzepte flächendeckend einzuführen.

"Die Schulen bilden einen wichtigen Rahmen, in dem Gesundheit geschaffen und aufrecht- erhalten werden kann. Mit Hilfe von formalen Lehrplaninhalten läßt sich die Einstellung junger Menschen zur Gesundheit deutlich verbessern. Das schulische Umfeld bietet sich für die Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der Gesundheit förmlich an.
Im weiteren Sinne beeinflußt die Schule aber nicht nur die Wahrnehmung sowie die Denk-, Handlungs- und Verhaltensweisen der Schüler, sondern auch die der Lehrer, Eltern, Gesund-heitsfachkräfte und der örtlichen Bevölkerung. Alle Bereiche des organisierten Lebens tragen zur körperlich, sozialen und seelischen Gesundheit des Menschen bei. Außerdem lernen junge Menschen am besten, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen, wenn sie unmittelbar an Entscheidungsprozessen beteiligt werden." (EUR/RC 48/10, S.27)

Das Gesundheitsparlament empfiehlt, das Konzept "Gesundheitsfördernde Schule", das seine positive Wirkung in den durchgeführten Modellprojekten bewiesen hat, in allen deutschen Schulen einzuführen und entsprechende Programme auch in der Erwachsenenbildung und an Berufsschulen und Hochschulen zu realisieren. Die Institutionalisierung einer Lehr- und Lernpraxis der Gesundheitsbildung ist ebenso wichtig wie Mathematik oder Sprachen.

11.4. Gesundheit von Erwachsenen

"Zur Zeit wird kurzfristigen wirtschaftlichen Überlegungen viel mehr Bedeutung beigemessen als langfristigen Investitionen in Arbeitskräfte, durch die Menschen im erwerbsfähigen Alter in die Lage versetzt werden, eine gesellschaftlich produktive Rolle zu spielen" (EUR/RC 48/10, S.29)
Ebenso wie das Konzept "Gesundheitsfördernde Schulen" sollten die Konzepte für einen "Gesunden Betrieb" mit breiten Kampagnen und öffentlicher Unterstützung flächendeckend eingeführt werden.

Die Gesundheit von Menschen wird gestärkt, wenn sie in Bildungsprozessen und auch bei Kontakten mit dem Gesundheitssystem eine Stärkung ihrer
Selbsterfahrung,
Selbstwertschätzung
Selbststeuerungsfähigkeit,
sozialen und kommunikativen Kompetenz und
Konfliktbewältigungs- oder Entspannungsmöglichkeiten
erleben und ihr Selbstvertrauen und Wissen gesteigert wird. Der Setting-Ansatz achtet auf die Rahmenbedingungen, unter denen Menschen leben, lernen, arbeiten, Beziehungen knüpfen und ihr Zuhause gestalten. Ein soziales Gesundheitssystem richtet seine Interventionen nicht nur auf individuelle Krankheiten und individuelle Risiken aus. Es muß auch die sozialen Systeme, die gemeinsamen Organisationen und Netzwerke sehen und entwickeln wollen. Ein solcher neuer Blick auf die Probleme erfordert eine Kooperation von Selbsthilfegruppen, NGOs, medizinischen oder sozialen Diensten und öffentlicher Einrichtungen, die nur im regionalen oder lokalen Umfeld erfolgreich umgesetzt werden kann.

Das Gesundheitsparlament weist darauf hin, daß eine Gesundheitsmedizin und Gesundheitsbildung dieser Art die soziokulturellen Bedingungen von einzelnen Bevölkerungsgruppen und vor allem auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen berücksichtigen müssen.

11.5. Altern in Gesundheit
Altern ist ein natürlicher physiologischer Prozess und keine Krankheit. Viele ältere Menschen bleiben bis kurz vor ihrem Lebensende aktiv, selbstständig und lebenstüchtig. Die Medikalisierung der Altersprobleme ist typisch für ein Versorgungssystem, das die psychosozialen Aspekte vernachlässigt und die Autonomie von alten Menschen beschädigt.
Zahlreiche Projekte einer Altenhilfe, die soziale Beteiligung umsetzen, Selbsthilfeaktivitäten unterstützen und Lebenssinn vermitteln, zeigen, daß der kranke und medizinisch aufwendig zu versorgende alte Mensch nicht den Realitäten entspricht.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt den Sozialversicherungsträgern, der Gesundheitspolitik und auch den medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen, die sozial- und gesundheitswisenschaftlichen Erkenntnisse aufzunehmen und integrierte, bio-psycho-soziale Versorgungskonzepte bevorzugt zu fördern.

11.6. In Würde sterben
Das Gesundheitsparlament unterstützt die Pionierleistungen der Hospiz Projekte und der Palliativmedizin sowie alle Versuche, im Gesundheitssystem, einen würdigen und mit den betroffenen Menschen vereinbarten Umgang mit den Fragen von Tod und Sterben umzusetzen.

12. Prävention und Bekämpfung von Krankheiten und Verletzungen

12.1. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten durch schlechte Gesundheit
Drei Viertel der fühzeitigen Sterbefälle in Deutschland werden durch vier Todesursachen ausgelöst. Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebserkrankungen, Krankheiten der Atmungsorgane und Unfälle im mittleren oder jüngeren Alter. Chronische Krankheiten wie degenerative oder entzündliche Muskel- und Skelettkrankheiten, psychische Leiden und Suchtprobleme nehmen zu.

Aus epidemiologischer und damit gesundheitspolitisch relevanter Sicht sind diese Krankheiten durch ein primär individualmedizinisch und kurativ ausgerichtetes Versorgungssystem erst spät und relativ nicht besonders wirksam zu beeinflussen. Die größte Produktionsreserve zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland sind daher eine ausgebaute Prävention und eine ganzheitliche Betreuung für chronisch kranke und seelisch leidende Mitbürgerinnen und Mitbürger. Beide Entwicklungsaufgaben werden durch ein institutionalisiertes System der Gesundheitsförderung am besten unterstützt.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt daher der Gesundheitspolitik und den Solidargemeinschaften eine grundlegend veränderte Prioritätensetzung für den Mitteleinsatz der Gesetzlichen Krankenversicherung und der öffentlichen Hand: Integrierte Projekte der Gesundheitsförderung und der Hilfe für chronisch Kranke sind gegenüber der kurativen Akutmedizin benachteiligt und werden in ihrer Bedeutung für die betroffenen Menschen stark unterschätzt. Gesundheitsförderung, Krankheitsverhütung, medizinische Behandlung, Betreuung und Rehabilitation müssen gleichrangige Felder der Gesundheitspolitik werden.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt eine neue Prioritätensetzung und ein Leitbildwechsel der bundesdeutschen Gesundheitspolitik im Sinne der WHO-Strategien. Reformaktionismus der bisherigen Art löst die Probleme nicht. Erfolgversprechend ist nur ein grundlegend neuer Weg.

12.2. Verbesserung der psychischen Gesundheit
Die psychosoziale Betreuung und die Psychotherapie sind in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht problemgerecht ausgebaut. Die positiven Erfahrungen aus integrierten Versorgungsprojekten erhalten im System zu wenig Anerkennung und strukturelle Förderung.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt die Ausarbeitung eines Aktionsplanes zur seelischen Gesundheit, mit dem die bisherige Unter- und Fehlversorgung transparent würde und eine nachhaltige Verbesserung der Situation erreicht werden soll.

Die Arbeitswelt ist ein gesundheitspolitisch stark defizitäres Feld der Primärprävention. Die Arbeitsbedingungen beinhalten nicht nur Gesundheitsbelastungen, sondern prägen auch mit Verhaltensanreizen und Sanktionen das Bewältigungshandeln. Ähnlich wie in anderen institutionalisierten Lebenszusammenhängen (Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Militär etc.) werden die organisatorisch günstigen Voraussetzungen für Prävention und Gesundheitsförderung nicht hinreichend genutzt.

12.3. Verringerung übertragbarer Krankheiten
"Die Verringerung übertragbarer Krankheiten erfordert einen integrierten Ansatz, der Gesund-heitförderung, Krankheitsprävention und Patientenbehandlung miteinander kombiniert." (EUR/RC 48/9, S.9)
Die im Umgang mit Aids gewonnenen Erfahrungen nichtmedizinischer, lebensweisenbezogener und verhältnisgestützter Verhaltensprävention haben auf konzeptioneller und institutioneller Ebene wichtige Anregungen auch für die Gestaltung anderer Felder gemeindebezogener Prävention erbracht.

Das Gesundheitsparlament sieht in der erfolgreichen Arbeit der Aids-Selbsthilfe und in den vernetzten Betreuungsstrukturen durch Schwerpunktpraxen, Pflegedienste und spezialisierte Krankenhäuser ein grundlegendes Modell für den Umgang mit Krankheiten und Gesundheitsstörungen.

12.4. Verringerung nicht-übertragbarer Krankheiten
Das Wissen und die Methodik zur Verhütung eines großen Teils der heute vorherrschenden Krankheiten ist vorhanden. Die gesundheitspolitischen Prioritäten werden aber falsch gesetzt. Unter den insgesamt eher geringen Aktivitäten der Primärprävention dominieren die Versuche der individuellen Verhaltensbeeinflussung (Rosenbrock, 1998, S. 39ff).
Dies kann mit empirischer Evidenz für höhere Effektivität und Effizienz dieses Ansatzes nicht begründet werden: ertragreichere Versuche der Verhaltensbeeinflussung über den 'produktiven Umweg' der Lebensweise bleiben auch dort die Ausnahmen, wo hohe Evidenz für erzielbare gesundheitliche Wirkung vorliegt; auch erfolgreiche Ansätze der Verhältnisprävention (z.B. in der betrieblichen Gesundheitsförderung) setzen sich nur sehr langsam durch.

Dieses gesundheitspolitische Vollzugsdefizit findet seine Gründe weniger in fehlendem Wissen sondern eher in risiko- und umfeldspezifischen Thematisierungsbedingungen sowie in den jeweiligen Akteur- und Interessenstrukturen.

Das Gesundheitsparlament weist beispielhaft darauf hin, daß die Check-up-Untersuchungen keinen Gesundheitsnutzen für die Bevölkerung mit sich bringen und ein Einsatz dieser Mittel für gesundheitsförderliche Initiativen oder Selbsthilfegruppen wirksamer und sinnvoller wäre.

12.5. Verringerung von auf Gewalteinwirkungen und Unfälle zurückzuführende Verletzungen
Unfälle und Gewalt hängen stark mit der Gestaltung der allgemeinen Lebensbedingungen eng zusammen.

Das Gesundheitsparlament unterstützt die Strategievorschläge der WHO zur Verminderung der Gesundheitsschäden durch Gewalteinwirkungen und Unfälle und weist auf die komplexen Wechselwirkungen hin, die auch in der Bundesrepublik Deutschland sektorübergreifende, ganzheitliche und vernetzte Bewältigungskonzepte erfordern.

13. Multisektorale Strategien für die Schaffung einer nachhaltigen Gesundheit

"Gesundheit bestimmt sich durch die biologische Veranlagung des einzelnen Menschen und durch Aktivitäten, in die die meisten Sektoren unserer Gesellschaft eingebunden sind, ist aber auch das Resultat individueller und kollektiver Entscheidungen und des individuellen und kollektiven Handelns der Bevölkerung insgesamt. Die Wahl, die Menschen treffen, wird durch externe Faktoren gesteuert - dazu zählen ihre biologische und genetische Struktur, die natürliche Umwelt, die sozioökonomischen Gegebenheiten und Lebensbedingungen, aber auch verschiedene politische und kulturelle Umstände, außerdem aber wird ihre Wahl aber auch dadurch bestimmt, inwieweit sie zum selbstbestimmten Handeln befähigt worden sind und die Kompetenz entwickelt haben, individuelle, gesundheitsförderliche Entscheidungen zu treffen." (EUR/RC 48/10, S.59)

13.1. Die biologische Grundlage von Gesundheit
"Die atemberaubende und schnell um sich greifende Technologie der "neuen Genetik" kann die Art und Weise, wie wir Prävention von Krankheiten und den Umgang mit Krankheiten begreifen, potentiell revolutionieren, sie bringt allerdings auch erhebliche moralische und ethische Dilemata mit sich." (EUR/RC 48/10, S.60)
Gebraucht wird eine Erklärung oder ein Praxiskodex zu den neuen ethischen Problemen, die sich aus der medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Anwendung genetischer Erkenntnisse ergeben." (EUR/RC 48/10, S.62)

Das Gesundheitsparlament verweist in diesem Zusammenhang auf den "Nürnberger Kodex von 1997", der zum 50. Jahrestag der Verkündung des Urteils im Nürnberger Ärzteprozess und des Nürnberger Kodex von 1947 erarbeitet wurde, und unterstützt ausdrücklich die dort festgelegten Normen. Dieser Kodex fasst die ethischen Fragen zusammen, die sich der Biomedizin stellen und leitet daraus für die Praxis zutreffende ethische Normen ab.
Das Gesundheitsparlament fordert alle Beteiligten auf, sich diesen Grundsätzen und Leitlinien zu unterwerfen.

13.2. Natürliche und sozioökonomische Determinanten von Gesundheit
"Gesundheit und Wohlbefinden setzen eine saubere und harmonische Umwelt voraus, in der natürliche, physiologische, soziale und ästhetische Faktoren das ihnen zukommende Gewicht erhalten. Die natürliche Umwelt sollte als Ressource für die Verbesserung der Lebensbedingungen und des Wohlbefindens gelten. Menschliche Gesundheit ist abhängig von Verfügbarkeit und Qualität von Nahrungsmitteln, Wasser, Luft und Wohnunterkünften." (EUR/RC 48/10, S.63)

Das Gesundheitsparlament unterstützt das Aktionsprogramm "Umwelt und Gesundheit", das im Juni 1999 gemeinsam vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und dem Bundesministerium für Gesundheit vorgelegt worden ist. Die darin enthaltenen Ziele und Vorhaben müssen ebenso konsequent und schnell umgesetzt werden

"Umweltsteuern fördern Gesundheit, weil sie dazu beitragen, Verschmutzung zu verringern. Sie verlagern die steuerliche Belastung auf die ineffiziente und gefährliche Nutzung von Energie und Ressourcen und tragen damit zu einem nachhaltigen Wirtschaftswachstum bei. Die Beseitigung gesundheitsschädlicher Altlasten ist teuer. Wenn man dagegen von Anfang an in sauberere Produktionsprozesse investiert, verhindert man Umweltverschmutzung und macht diese Prozesse effizienter, was sie wiederum rentabler macht." (EUR/RC 48/9, S.11)

13.2.2 Soziale und wirtschaftliche Determinanten von Gesundheit
"Gesundheit ist stark von sozioökonomischen Umständen abhängig (...). Zu den wichtigsten Bestimmungsfaktoren zählen Einkommen, Ausbildung und Beschäftigung. Einige Wissenschaftler schreiben über die Hälfte aller Krankheiten diesen zugrunde liegenden Determinanten zu." (EUR/RC 48/10, S.68)

13.3. Gesunde Lebensweisen

13.3.1 Gesunde Entscheidungen und gesundes Verhalten

Wichtig Themenbereiche neben der Suchtbekämpfung für die Wissensvermittlung und Bildung der Bevölkerung sind vor allem
Gesunde Ernährung,
Körperliche Betätigung und Bewegung und
Sexuelle Gesundheit.

13.4. Settings zur Förderung der Gesundheit
"Die Erfahrungen der letzten zehn Jahre haben in der europäischen Region deutlich gemacht, dass man den einzelnen Menschen, ganze Gruppen und die Gesellschaft als solche am besten informiert, unterstützt und dazu bringt, ein gesünderes Leben zu führen, wenn man systematisch dort ansetzt, wo die Menschen leben, arbeiten und spielen." (EUR/RC 48/9, S.12)

Settings zur Förderung der Gesundheit müssen Aktivitäten und Maßnahmen für
das häusliche und nachbarschaftliche Umfeld,
das Arbeitsumfeld,
Kindergärten und Schulen,
Gemeinden und Städte oder
für Menschen mit Behinderungen und sozialen Nachteilen
umfassen.

Das Gesundheitsparlament stellt fest, daß die Institutionalisierung einer wirksamen Primärprävention und Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik ansteht und die dafür nötigen Zuständigkeiten, Instrumente und professionellen Kompetenzen bereitgestellt werden müssen. Die bisherigen Regelungen und Maßnahmen sind unzureichend und eine strategische Orientierung der Gesundheitspolitik an den Zielen der WHO ist überfällig.

13.5. Multisektorale Verantwortung für die Gesundheit
"Gesundheit und Wohlergehen einer Gesellschaft sind Ausdruck ihrer sozioökonomischen und natürlichen Umwelt, sie zeigen, inwieweit die Menschen imstande sind, gesunde Entscheidungen zu treffen, und sie sind Ausdruck ihres konkreten Lebensrahmens. Gesundheit entsteht eindeutig nicht nur durch ausschließlich vom Gesundheitssektor befolgte Maßnahmen, sie sind vielmehr sie Manifestation der gesamten Politik und der Art und Weise, wie die einzelnen Politikbereiche miteinander Gesundheit fördern oder schädigen." (EUR/RC 48/10, S.91)

13.5.2. Gesundheitsdienliche Maßnahmen anderer Sektoren
Bedeutsame Aufgabenfelder einer gesundheitsförderlichen Politik sind die Bereiche
Energie, Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung, Tourismus, Finanzsektor, Sozialsektor, Justiz und Gesetzgebung oder die Medien.

14. Ergebnisorientierte Gesundheitsversorgung

"Die Gesundheitsdienste leisten einen äußerst wichtigen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung. Sie verbrauchen einen beträchtlichen Teil der wirtschaftlichen Ressourcen und zählen in jedem Land zu den größten Arbeitgebern. Außerdem vermitteln sie dem einzelnen Bürger auch ein Gefühl der Sicherheit und sorgen in der Gesellschaft für ein Klima des Vertrauens; dies sind wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung der Wirtschaft und generell für die Gesellschaft insgesamt. (EUR/RC 48/10, S.100)

Das Gesundheitsparlament stellt fest, daß die Reformversuche der Gesundheitspolitik in der Bundesrepublik Deutschland das Ziel einer ergebnisorientierten Gesundheitsversorgung verfehlen. Die bisherigen Ansätze sind nicht geeignet, die notwendige Neuorientierung und Modernisierung des Systems umzusetzen. Die gesellschaftlichen Anforderungen an ein kostenwirksames und sozial integrierendes Versorgungssystem benötigen grundlegend neue Strategien und Konzepte.

Neuordnung des Krankenkassensystems
Die zunehmende Orientierung der GKV an Markt- und Wettbewerbsprinzipien deutet auf einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Zielstellung und der Regulierung des Systems hin. Lange Zeit bestand Konsens darüber das das GKV System drei Aufgaben zu erfüllen hat:

· Gesundheitliches Ziel: Sicherstellung einer bedarfsgerechten, erreichbaren und dauerhaft funktionsfähigen Versorgung mit den medizinisch und gesundheitlich als notwendig und ausreichend erachteten Leistungen für die gesamte Bevölkerung.

· Ordnungspolitisches Ziel: Beitrag zur Sicherung der (zunehmend gefährdeten) gesellschaftlichen Integration durch Gewährleistung der gesundheitlichen Versorgung ohne ökonomische und soziale Diskriminierung.

· Wirtschaftliches Ziel: Finanzierung, Steuerung und Strukturentwicklung der größten Wirtschaftsbranche nach den Kriterien Bedarf und Kostenminimierung (und nicht: kaufkräftige Nachfrage und Gewinnmaximierung)

An die Stelle dieses Programms scheint ein neues zu treten:
Kostendämpfung und rationale Steuerung haben keine Priorität mehr gegenüber der Entwicklung von Medizin und Krankenversorgung als Wachstumsmarkt. Infolgedessen besteht das zentrale Problem darin, "neues Geld ins System" zu pumpen. Als primäre Quelle hierfür wurden die Direktzahlungen der Kranken gewählt.
Als Motor für diese Wachstumsbranche gilt der Mechanismus der ökonomischen Konkurrenz. Nutznießer davon sind neben Leistungsproduzenten v.a. wohlhabendere Bevölkerungsschichten, die dann nicht mehr die Last des Solidarausgleichs zu tragen haben.
Gesundheitspolitik wird durch die skizzierten Regulierungen den Prinzipien der Logik der derzeit dominanten Wirtschaftspolitik für den "Standort" Deutschland untergeordnet. Im Kern geht es dabei um Verschlechterungen der Verteilungs- und Rechtspositionen der abhängig Beschäftigten
Diese Beispiele verweisen auf die hohe Resistenz des Krankenversorgungssystems und der GKV auch gegenüber sozialmedizinisch gut begründeten Reformvorhaben Vorschlägen.

14.1. Ein integrierter Gesundheitssektor

14.1.1. Lokale Netzwerke bilden
Zersplitterung, sektorale Konkurrenzen und mangelhafte Kooperation zwischen den vielfältigen Versorgungsdiensten unterschiedlichster Träger kennzeichnen das Gesundheitssystem in Deutschland. Die neue Perspektive eines Gesundheitssystems in sozialer Verantwortung stellt das Ergebnis für die individuelle und soziale Gesundheit ins Zentrum seiner Arbeit. Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention, Diagnose von Krankheiten, Behandlung, Rehabilitation und Pflege der Kranken, soziale Dienste, Selbsthilfe und kommunale oder städtische Einrichtungen sind ebenso Bestandteil eines kooperierenden lokalen Netzwerkes wie Krankenkassen, Freie Träger und NGOs. Die Trennung der bisherigen Bereiche wird mit dem Ziel des gesundheitlichen Zugewinns für alle überwunden. Dies erfordert
eine gemeinsame Sicht der Probleme und Aufgaben,
eine gemeinsame Zielbestimmung,
ein gemeinsames Controlling der Zielerreichung,
gegenseitige Offenheit
und eine neue kooperative Kultur.

Eine solche Kommunikation, Netzwerkbildung und Gemeinschaftskultur benötigt ein Managementsystem neuer Art, das die Transparenzmedien, Kommunikations- und Beziehungsdienste sicherstellt und dafür sorgt, daß die einzelnen Beteiligten entsprechend ihres Beitrages für das Gesamte mit Ressourcen ausgestattet sind und ihre Arbeit gut leisten können. Jedes Teil im Gesamtsystem muß seinen Beitrag realistisch beurteilen und in seinem Ergebnis einschätzen wollen. Es geht um die Errichtung und Institutionalisierung eines effektiven und effizienten Public-Health-Mangements.

14.2. Die Integration von primärer Gesundheitsversorgung und Krankenhäusern
"Ein solcher Ansatz erfordert ein strukturell und funktional stärker integriertes System von Gesundheitsdiensten und Versorgungsleistungen. Die zur Zeit angebotenen Dienste sind dagegen - sowohl horizontal als auch vertikal - vielfach aufgesplittert. Die Versorgung erfolgt ohne Kontinuität und ist dabei unter mehreren Gebietsärzten, Pflegenden und anderen im Gesundheitswesen tätigen Fachkräften aufgeteilt, anstatt im Rahmen eines multidisziplinären Teamansatzes einer umfassenden und horizontal integrierten Versorgung angeboten zu werden." (EUR/RC 48/10, S.103)

Kommunalisierung der Versorgungsnetze

Der Ausweg aus dem gegenwärtigen Dilemma liegt in
der Neuerrichtung integrierter Versorgungsnetze,
der Reorganisation der primären Gesundheitsversorgung und
einer kommunalen Bewertung der Sicherstellungsaufträge.

Die einzelnen Funktionen innerhalb der integrierten Gesundheitsdienste benötigen eine ständige Bedarfs- und Bedürfnisanalyse, eine strategische Planung und Führung und ein Controlling der Versorgungsqualität und der Versorgungsergebnisse.

Das Gesundheitsparlament schlägt eine kommunale Gesundheitsplanung vor, die
Bedarfs- und Bedürfnisanalysen für die Einwohner vornimmt,
Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention plant,
notwendige Diagnose und Behandlungsdienste definiert und
rehabilitative, psychosoziale und sozialpädagogische Dienste beinhaltet.
In Analogie zu Stadtentwicklungsplänen oder Bebauungsplänen sollten künftig Gesundheitsentwicklungspläne öffentlich diskutiert und in den kommunalen Parlamenten verabschiedet werden.

Die organisatorische Gestaltung einer integrierten Gesundheitsversorgung muß die Reorganisation und Aktivierung
der Hausärztlichen Versorgung,
der Selbstfürsorge und Selbsthilfe
der häuslichen Pflege,
der Schulen und Arbeitsstätten und
der Kommunikation und Kooperation unter den Beteiligten
regeln und umsetzen.

Integration alternativer Verfahren und besondere Therapierichtungen
"In vielen Ländern kommen "alternative" Behandlungsformen und Leistungserbringer immer mehr in Mode. Wenn man den Menschen als ganzheitliches Wesen begreift, dem das Recht auf eine freie Entscheidung zusteht, dann muß man die Existenz einer neben der Schulmedizin bestehenden, alternativen Gesundheitsversorgung nicht nur anerkennen und akzeptieren, sondern sogar begrüßen. Aber auch eine solche alternative Gesundheitsversorgung muß hohen ethischen Maßstäben genügen, der Verbraucher muß vor Ausbeutung geschützt werden, und öffentliche Mittel sollen nur für Behandlungsverfahren bewilligt werden, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen wurde." (EUR/RC 48/10, S.107)

14.3. Ein qualitätsbewußtes, ergebnisorientiertes Management der Versorgung

"Auf allen Ebenen sollten Informationssysteme ein auf Sachkenntnissen gestütztes Management und eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Qualität wirksam unterstützen. Bei fast allen Gesundheitseinrichtungen und Leistungserbringern (...) mangelt es allerdings zur Zeit an grundlegenden Informationen über die Qualität der Versorgung, die sie tagtäglich in ihrer Praxis bieten." (EUR/RC 48/10, S.110)
"Dringend gebraucht wird ein einheitlicheres Managementkonzept, ein Konzept, dass das Streben nach besserer Qualität anstachelt und innovatives Denken belohnt, statt diese Ansätze im Keim zu ersticken." (EUR/RC 48/9, S.14)

· Gesundheitsberichterstattung
Gegenüber anderen entwickelten Industrieländern befindet sich die Bundesrepublik zum Teil um Jahrzehnte im Rückstand (Rosenbrock, 1998, S.24ff). Die seit den 80er Jahren wieder in Gang gekommene und zunehmend verbindlicher geführte Diskussion über die Etablierung von Gesundheitsberichterstattung ist ein Stück nachholender Modernisierung. Sie verdankt sich der verzögerten Durchsetzung der Einsicht, daß wissenschaftlich fundierte Berichterstattung eine notwendige (wenngleich nicht hinreichende) Bedingungen zielführender Gesundheitspolitik ist.

Gesundheitsrelevante Informationen:
Zur öffentlichen und demokratisch legitimierten Ziel- und Prioritätensetzung, zur Steuerung der Interventionen bzw. Interventionsakteure sowie zur Prozeß- und Ergebniskontrolle braucht öffentliche Gesundheitspolitik zum Teil über die bislang diskutierten Erhebungen hinaus auf pragmatischem Niveau und auf den jeweiligen Anwender zugeschnitten vier Typen von Informationen:
Primär- und Sekundärprävention benötigen Daten über die Verteilung und Entstehung sowohl von (pathogenen) Gesundheitsbelastungen als auch von (salutogenen) Gesundheitsressourcen, nach Lebensbereichen, Bevölkerungsgruppen und Zielkrankheiten. (Risikoberichterstattung).
Eine solide geschlechts-, regions-, arbeits- und schichtenspezifische Gesundheits-, Krankheits- und Sterbestatistik (Krankheitsberichterstattung) ist sowohl ein Instrument zur Beobachtung des Eintretens von Gefahren und Teil der Ergebnisermittlung präventiver Strategien als auch Voraussetzung der Planung, Steuerung und Evaluation von Versorgungseinrichtungen.
Die Berichterstattung über Ausstattung und Leistungen der gesundheitsbezogenen Institutionen (Versorgungsberichterstattung: Krankenversorgungssystem nach Funktionen, Institutionen, Berufsgruppen und Finanzierung, Gesundheitsämter, Sozialstationen, Arbeitsschutz, Selbsthilfegruppen, Gesundheitsinitiativen etc.) leidet bislang nicht nur an gleichzeitiger Unvollständigkeit und Überdifferenzierung, sondern auch an Defiziten in der Ermittlung von Indikatoren der Leistungsqualität und der gesundheitlichen Wirkung.
Die Berichterstattung über Gründe, Verlauf und Ergebnis erfolgreicher und erfolgloser Initiativen privater und staatlicher Akteure zur Verbesserung von Prävention und/oder Krankenversorgung (Politikberichterstattung) stellt angesichts erheblicher Probleme wissenschaftlicher Wirksamkeitsevaluation solcher Projekte ein wichtiges Instrument zur kollektiven Erfahrungsbildung dar.

Das Gesundheitsparlament weist darauf hin, daß alle Beteiligten an der Gesundheitsversorgung Transparenz über die Systemverhältnisse erhalten müssen, damit sie ihrer jeweiligen Funktion und Bedeutung in einem kooperierenden Wirkungsgefüge auch gerecht werden können. Die Gesundheitsberichterstattung sollte Stärken und Schwächen der Versorgungsprozesse offenlegen, Ergebnisse aufzeigen und kontinuierlich Optimierungsziele definieren.
Das Informations- und Kommunikationsmanagement der Gesundheitsberichterstattung muß jeden Arzt, jedes Krankenhaus und alle anderen Dienste befähigen, daß sie ihren Beitrag zur individuellen und sozialen Gesundheitssicherung beurteilen und ihr Verhalten mit dem Gesamtinteresse koordinieren und integrieren können. Die Entwicklung des Gesundheitssystems ist ein Prozeß, in dem die Systemtransparenz die einzelnen Beteiligten an der Gesundheitsversorgung kontinuierlich zur konstruktiven und problembewältigenden Mitarbeit motiviert.
Die Instrumente des Qualitätsmanagements müssen
Struktur-, Prozeß- und Ergebnisqualität der einzelnen Dienste im System und
Struktur-, Prozeß- und Ergebnisqualität des Versorgungssystems insgesamt
Reflektieren, kommunizieren und entwickeln.

Moderne Systeme der Gesundheitsberichterstattung sind auf allen Ebenen der Gesundheitspolitik und der Gesundheitsversorgung einzurichten und zu betreiben. Gesundheitsberichterstattung ist das Basisinstrument für ein zukunftsfähiges Versorgungsmanagement. Die Gesundheitsversorgung muß wissenschaftlich fundiert und mit moderner Kommunikationstechnologie ausgestattet für die Patentenzufriedenheit arbeiten können. Dafür benötigt sie eine ergebnisorientierte Planung und ein flexibles Management.

"Nationale und lokale Gesundheitsinformationssysteme sind eine Voraussetzung für die Entwicklung und Verlaufsbeobachtung einer effizienten und gerechten Gesundheitspolitik. Durch systematische Evaluierung und Begleitüberwachung wird festgestellt, ob die Zielvorgaben erreicht werden und welchen Bereichen zusätzlich Beachtung geschenkt werden muß. Gesundheitsinformationen sollten für Politiker, Manager, Gesundheitsexperten und andere Fachkräfte sowie für die breite Öffentlichkeit relevant und leicht zugänglich sein. Auf allen Ebenen setzt eine gute, gesundheitsförderliche Ordnungspolitik Transparenz, Rechenschaftspflicht und Anreiz für eine stärke Beteiligung voraus." (EUR/RC 48/9, S.16)

14.4. Finanzierung und Zuweisung von Ressourcen für die Gesundheitsversorgung
"Die Finanzierung der Gesundheitsversorgung sollte Verteilungsgerechtigkeit und Nachhaltigkeit sicherstellen. Unabhängig vom gewählten System müssen die Regierungen dafür sorgen, dass das System die umfassende Gültigkeit und allgemeine Zugänglichkeit gewährleistet und zugleich die Gesamtkosten eindämmt. Wie auf der 1996 in Ljubeliana abgehaltenen Konferenz über Gesundheitsreformen in Europa deutlich wurde, läßt die Finanzierung oder Erbringung eines gesellschaftlichen Guts wie Gesundheitsversorgung keinen Raum für die ungehinderte Entfaltung des Marktes. Außerdem erwiesen sich auf den einzelnen Bürger oder die Finanzierungsträger ausgerichtete Marktmechanismen in ihrer Wirkung auf Verteilungsgerechtigkeit und Effizienz auf den einzelnen Bürger und die Finanzierungsträger ausgerichtete Marktmechanismen ihrer Wirkung auf Verteilungsrechtigkeit und Effizienz als weitaus weniger erfolgreich als Maßnahmen, die sich auf Krankenhäuser und andere Anbieter von Gesundheitsversorgung richten." (EUR/RC 48/9, S.15)

14.4.1 Finanzielle Ressourcen
"Privatversicherungen unterhöhlen die Solidargemeinschaft oft durch individuelle Risikoeinstufung - eine besonders schädliche Form der Versorgungsfinanzierung. In diesen Fällen gestaltet sich die Grundlage von Zahlungen des einzelnen an die Krankenversicherung als risikobestimmte Prämie, die den individuellen Gesundheitszustand widerspiegelt. Ein sich auf den Wettbewerb zwischen privaten Krankenversicherungsträgern gründendes System verstößt gegen die Verteilungsgerechtigkeit und das Solidarprinzip, wenn die Versicherungsträger versuchen, sich die guten Risiken auszuwählen." (EUR/RC 48/10, S.115)

Zuweisung finanzieller Ressourcen
"Die Ressourcen sollten den gesellschaftlichen Bedürfnissen und Prioritäten entsprechend verteilt werden. Dabei muß man zwischen geographischen Gebieten und einzelnen Leistungen eine Wahl treffen, aber auch entscheiden, welche Therapieformen finanziert werden sollen und ob man innovative oder teure Verfahren anbieten sollte." (EUR/RC 48/10, S.115)

14.4.2. Qualifizierung von Fachkräften für gesundheitliche Aufgaben (Humanressourcen)
"Die Fach- und Managementqualifikationen müssen auf allen Ebenen in allen Sektoren verbessert werden, wobei das Schwergewicht darauf liegen muß, gesundheitliche Resultate zu erzielen und die Maßnahmen darauf auszurichten." (EUR/RC 48/9, S.16)

"Gesundheitsfachkräfte müssen in ihrer Aus- und Fortbildung nicht allein auf ihre fachliche Arbeit vorbereitet werden, sondern auch imstande sein, in allen Sektoren andere zum Handeln zu befähigen, als Mittler und als Fürsprecher der Gesundheit und von bevölkerungsbezogenen Maßnahmen aufzutreten. Die Studiengänge von Architekten, Ingenieuren, Volkswirten, Journalisten, Soziologen usw. müssen Elemente enthalten, die ihnen das notwendige Wissen, die Motivation und das praktische Können an die Hand geben, um multisektorale, gesundheitliche Maßnahmen zu unterstützen." (EUR/RC 48/9, S.16)

14.4.3. Arzneimittel
Die gesundheitspolitischen Steuerungsziele der Arzneimittelversorgung bestehen in der sozial und finanziell undiskriminierten, medizinisch ausreichenden und zweckmäßigen Versorgung mit wirksamen, sicheren und preisgünstigen Arzneimitteln durch dafür hinreichend qualifizierte Ärzte und Apotheker (Rosenbrock, 1998, S.54).
Die Bundesrepublik liegt im Arzneimittelverbrauch international im Mittelfeld, in den Ausgaben im oberen Bereich, in der Anzahl der zugelassenen Arzneimittel nach den USA an der Weltspitze. Arzneipolitische Steuerungsziele werden in quantitativer, qualitativer und ökonomischer Hinsicht verfehlt: Es gibt zu viele Arzneimittel, darunter einen hohen Anteil mit zweifelhafter Wirksamkeit. Sie kosten mehr als in anderen Ländern, es fehlt an systematischer Beobachtung von Wirkungen und Nebenwirkungen, therapeutischer Fortschritt ist - wie auch bei anderen medizinischen Technologien bzw. Techniken - keine Bedingung der Marktzulassung. Es gibt keine ausreichende Qualitätsprüfung der Verordnungen, und es gibt eine wachsende Arzneimittelabhängigkeit (Sucht).

14.4.4. Medizintechnologie
"Wesentlich ist, daß bedarfsgerechte Technologie vor ihrer Einführung gründlich beurteilt wird und man neue medizinische Geräte und sonstige Ausrüstung einer sorgfältigen Bewertung unterzieht." (EUR/RC 48/10, S.125)

15. Konzepte und Instrumente zur Steuerung des Wandels

"Wenn sämtlich vorhandenen Erkenntnisse darüber, welche gesundheitsbezogenen Ansätze funktionieren und welche nicht funktionieren, uneingeschränkt angewendet würden, hätte dies großen Einfluß auf die Verbesserung der Gesundheit und dem Schutz der Umwelt." (EUR/RC 48/9, S.16)

15.1. Aufgaben und Ziele
"Gouvernance" (Ordnungspolitik) ist das System, durch das eine Gesellschaft die Angelegenheiten unterschiedlicher Sektoren und Partner regelt, um ihre übergeordneten Ziele zu erreichen - ein Prozeß, durch den widersprüchliche oder unterschiedliche Interessen auf einen Nenner gebracht werden und kooperative Maßnahmen getroffen werden könne. Dieses System beinhaltet formelle Institutionen als Erfüllungsgehilfen und informelle Regelungen, denen die Bürger und Institutionen zugestimmt haben" (EUR/RC 48/9, S.16)

Konservative und wirtschaftsliberale Vorschläge zur Behebung dieser Steuerungsdefizite konzentrieren sich auf die Anwendung finanzieller Anreize und Sanktionen (Selbstbeteiligung, Beitragsrückerstatung, Bonus/Malus), vorwiegend im Hinblick auf die Versicherten/Patienten (Rosenbrock, 1998, S.52)

Denkbar und mit Rückgriff auf internationale Erfahrungen auch gestaltbar wäre ein Drei-Säulen-Modell, in welchem
die kassenarztgetragene medizinische Versorgung,
die professionelle psychosoziale, sozialarbeiterische und pflegerische Hilfe sowie
das nicht-medizinische und nicht-professionelle Bewältigungssystem
als gesundheitspolitisch gleichwertige und -berechtigte Systeme der ambulanten Versorgung gefördert, miteinander verzahnt und gesteuert würden. Dies würde tiefgreifende Änderungen in der Qualifikation vor allem des Allgemeinmediziners ('gate keeper'; 'case manager'), in der Institutionalisierung des psychosozialen und pflegerischen Sektors sowie einen völlig veränderten administrativen und politischen Umgang mit Selbsthilfe und informellem Beratungspotential erfordern und auf die systematische Einbeziehung gemeindebezogener Gesundheitsförderung in die Tertiärprävention hinauslaufen.

Dazu wird die Koordination dieser drei Systeme durch regionale Gesundheitskonferenzen aus Gebietskörperschaften (Gesundheitsämter), Sozialversicherungsträgern (vor allem Krankenkassen) und Leistungserbringern vorgeschlagen.

15.2. Ausbau der Wissensbasis für Gesundheit

15.2.1. Forschung zur Förderung der Gesundheit
"Es ist wichtig, die ethischen, wissenschaftlichen und sozialen Implikationen der Forschung über Medizintechnik, insbesondere der Gentechnologie, zu beobachten und zu beurteilen. Genforschung kann die präventiven und therapeutischen Möglichkeiten erheblich verbessern, doch sollten dabei die Würde des Menschen, Autonomie und Gerechtigkeit beachtet werden. Durch Einbeziehung der Öffentlichkeit in die Debatte über Gentechnologie kann sichergestellt werden, dass demokratische Entscheidungen die Grundlage für künftige politische Entscheidungen bilden." (EUR/RC 48/9, S.17)

15.3. Mobilisierung von Partnern für gesundheitliche Belange
"Die "Gesundheit für Alle" ist ein integrierter zukunftsorientierter konzeptueller Rahmen zur Prioritätensetzung, Festlegung von Strategien und Mobilisierung von Ressourcen für gesund-heitsbezogene Maßnahmen in der gesamten Gesellschaft. Eine nationale Politik mit konkreten Zielen ist der Schlüssel zur Motivation und Vorgabe eines konzeptuellen Rahmens und Handlungsrahmens für Maßnahmen in Landesregierungen, Städten und Kommunen sowie Settings wie z.B. Schule und Arbeitsplatz." (EUR/RC 48/9, S.17)

15.3.7. Synergie schaffen
"Wenn alle Partner dazu ermutigt werden, die in der Gesundheit 21 dargelegten gesund-heitlichen Wertprinzipien zu übernehmen, werden dadurch die Handlungen von Organisationen, Unternehmen und Familien wie auch des einzelnen beeinflußt. Ein Schwerpunkt sollte auf dem Aufbau von Netzwerken, Allianzen und Partnerschaften für Gesundheit auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene gelegt werden, ferner auf die Befähigung der Bevölkerung zum Handeln." (EUR/RC 48/9, S.17)

15.4. Konzepte und Strategien für "Gesundheit für Alle"
Gesundheitspolitik ist noch weniger als andere Politiken ist durch staatliche Ressortierung, einheitliche Handlungs- bzw. Regulierungstypen oder Akteure zu beschreiben.(Rosenbrock, 1998, S.86) Gesundheit ist einerseits Querschnittsaspekt nahezu aller Politikbereiche (implizite Gesundheitspolitik) und läßt sich andererseits auch in explizit der Gesundheit zugeordneten Politikfeldern nicht ohne Berücksichtigung konkurrierender Ziele und Werte konzipieren und durchsetzen. Gesundheitspolitik ist bevölkerungsbezogenes Management von Gesundheitsrisiken vor und nach ihrem Eintritt. Sie kann - normativ - beschrieben werden als das beständige Bemühen, Erkenntnisse aus Sozialepidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitsforschung in Anreizsysteme, Handlungsbedingungen und Institutionen umzusetzen. Gesundheitspolitik findet statt in zahlreichen Konfigurationen aus Themen, Akteuren, Institutionen und Staatsfunktionen.

"In der gesamten Region haben zahlreiche örtliche Gemeinschaften große Initiative und Vorstellungskraft gezeigt, um die GFA-Ideen zur Sensibilisierung der Menschen zu nutzen, ihre Gesundheit zu fördern und zu schützen. Es gibt hervorragende Beispiele dafür, wie der öffentliche Sektor und der Privatsektor die Möglichkeiten für gesundheitliche Zugewinne sondieren. Tausende Gesundheitsfachkräfte und viele ihrer Berufsorganisationen haben innovative Ansätze eingeführt, um die Versorgungsqualität zu verbessern und um in engerer Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen neue Wege aufzuzeigen, diesen Herausforderungen zu begegnen ist. Insbesondere hat die dynamische, rasch expandierende "Gesunde Städte"-Bewegung ein hervorragendes Potential zur systematischen, nachhaltigen und innovativen Mobilisierung örtlicher Gemeinschaften in jedem Mitgliedsstaat demonstriert." (EUR/RC 48/9, S.17)
Jeder makro-politischen Konjunkturlage entsprechen darüber hinaus unterschiedliche Ausprägungen des Gesellschafts- und Menschenbildes. Gegenwärtig nimmt eine Sichtweise zu, in der tendenziell jeder seines Glückes Schmied und also auch verantwortlich für sein Unglück ist. Solche Ideologien sind kaum förderlich für Konzepte der kollektiven Artikulation von gesellschaftlich bedingten Gesundheitsproblemen und der politischen Mobilisierung zur Durchsetzung von Veränderungsstrategien, die auf eine Verminderung der sozial bedingten Ungleichheit vor Krankheit und Tod abzielen


III. Vorschläge zum Handeln

16. Handlungsvorschläge für eine gesundheitsförderliche Politik.

Auf dem Hintergrund der neuen Leitbilder und Umsetzungsstrategien empfiehlt das Gesundheitsparlament anhand der folgendend Handlungsoptionen eine "Stärkung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen". Die gemeindliche Ebene als der eigentliche Ort der Umsetzung eines solchen Programmes kann erfolgreich nur dann aktiv werden, wenn die politisch darüber liegenden Ebenen durch geeignete Rahmenbedingungen den Prozeß fördern und unterstützen. Deshalb richten sich die Vorschläge an die verschiedene Ebenen der Gesundheitspolitik und ihr Zusammenwirken mit der lokalen Ebene.
Die Vorschläge sind einem Gutachten entnommen, das Alf Trojan und Heiner Legewie für das TAB (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag) und das Projekt "Umwelt und Gesundheit" erarbeitet haben.

Die Empfehlungen sind in sechs Programm-Optionen gebündelt. Durch ein integriertes Gesamtkonzept für Gesundheitsförderung und Prävention sollen
eine gemeinsame, politikfelderübergreifende Problemsicht erreicht werden,
ein übergeordnetes konsensfähiges Leitbild gesundheitsförderlicher und nachhaltiger Entwicklung formuliert und auf der politischen Agenda plaziert werden,
Ziele und Prioritäten gemäß aktueller Handlungsbedarfe festgelegt werden,
die relevanten politischen Fachressorts (insbesondere Gesundheits-, Umwelt-, Wirtschafts-, Sozial-, Stadtentwicklungs- und Bildungspolitik) für gemeinsame Planung und Umsetzung zusammengeführt werden,
die ressortspezifischen Programme zur Gesundheitsförderung und zur nachhaltigen umwelt- und sozialverträglichen Entwicklung aufeinander abgestimmt und miteinander vernetzt werden.

Umsetzungsvorschläge

Auf Bundesebene wird eine hochrangige Kommission eingesetzt mit dem (Arbeits-)Titel "Stärkung gesundheitsförderlicher Lebens- und Umweltbedingungen".
Die Gesundheitsberichterstattung auf Bundesebene wird zu einem Instrument der informationsgestützten Gesundheitsförderungspolitik ausgebaut.
Auf Länder- und Gemeindeebene werden ebenfalls integrierte Gesundheitsförderungspläne auf der Basis von Informationssystemen, wie der Gesundheitsberichterstattung, erarbeitet.

16.2. Geeignete Organisationsstrukturen für intersektorale Kooperation schaffen

Umsetzungsvorschläge

Auf Bundesebene wird eine Stabsstelle "Integrierte Berichterstattung und Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen" eingerichtet.
Ein nationales Steuerungsgremium (Beirat, Gesundheitsförderungskonferenz) für Gesundheitförderung wird berufen.

Auf Landesebene werden eine ständige interministerielle Arbeitsgruppe, eine regierungsunmittelbare Stabsstelle als Infrastruktur und eine Landesgesundheitskonferenz oder ein ähnliches Kooperationsgremium eingerichtet.

Auf kommunaler Ebene werden Plan- und Leitstellen als Stabsstellen eingerichtet, die unmittelbar dem Bürgermeisteramt zugeordnet sind.
Auf kommunaler Ebene werden gemeinsame Kooperationsgremien zu integrierter Gesundheitsförderung und zur gesundheitsförderlichen Umweltgestaltung gestärkt (und ggf. neu gebildet).
Diese Gremien gibt es schon weit verbreitet als "Gesundheitsförderungskonferenzen", "Regionale Arbeitsgemeinschaften für Gesundheit" oder unter ähnlichen Namen. Sie arbeiten eng mit den Plan- und Leitstellen zusammen und gewährleisten die Einbindung der lokalen Akteure und der Bürger in die Planung, Entwicklung und Steuerung von integrierter Gesundheitsförderung.
Die Bedeutung dieser Gremien kann vor allem dadurch gestärkt werden, daß sie maßgebliche Steuerungsfunktionen übernehmen, d. h.
daß sie ein politisches Mandat bekommen, dem lokalen Parlament Gesundheitsförderpläne und -prioritäten vorzuschlagen,
daß sie zu Gesetzesvorhaben und Programmen bezüglich ihrer Gesundheitsverträglichkeit Stellung nehmen,
daß sie gemeinschaftlich über einen Fonds bestimmen, aus dem Gemeinschaftsaufgaben der Gesundheitsförderung finanziert werden (vor allem Aufgaben gemäß Ottawa-Charta: Gesundheitsinteressen anwaltschaftlich vertreten; vermitteln und vernetzen),
daß sie innovative Ansätze der Gesundheitsförderung materiell und politisch unterstützen,
daß sie Anreize für einzelne Akteure der Gesundheitsförderung und deren Aktivitäten geben, z.B. Auszeichnungen durch (Geld-)Preise, Gütesiegel /Zertifizierung oder anteilige Finanzierungen für die Übernahme von "Patenschaften" (Verantwortlichkeiten) einzelner Träger in der Durchführung gemeinschaftlicher Schwerpunkt-Programme.

16.3. Rechtliche und finanzielle Basis für Gesundheitsförderung absichern

Umsetzungsvorschläge

Gesundheitsförderung wird in Gesetzen stärker zur Geltung gebracht und abgesichert.

Es werden Fonds zur integrierten Gesundheitsförderung eingerichtet.
Vorbilder für solche durch ein Gesetz auf nationaler Ebene geregelte Fonds existieren in den Nachbarländern Österreich und Schweiz. Im österreichischen Modell werden die Mittel des Fonds durch Steuergelder aufgebracht, in der Schweiz (Schweizer Stiftung für Gesundheitsförderung) durch einen mit den Krankenversicherungen erhobenen Beitrag pro Versichertem.

Im Sozialgesetzbuch V wird die Beteiligung der Krankenversicherung an Gemeinschaftsaufgaben der Gesundheitsförderung und Prävention geregelt.
Die aktuellen Diskussionen um die Strukturreform und politischen Beschlüsse der Regierungsparteien sind sich darin einig, daß Gesundheitsförderung und Prävention gestärkt werden sollen, vor allem durch Neuformulierung des § 20. Fonds-Modelle auf den verschiedenen politischen Ebenen wären das geeignete Instrument für die Umsetzung.

Neue Finanzierungsquellen für die Gesundheitsförderung werden entwickelt und erprobt.
Fonds-Modelle, insbesondere in Form einer Stiftung erlauben, einen Pool zu bilden, der aus verschiedenen Quellen gespeist wird.

16.4. Akteursspezifische Programme entwickeln und einrichten

Umsetzungsvorschläge:

Die Krankenkassen werden motiviert, sich an Maßnahmen der kommunalen und settingbezogenen Gesundheitsförderung zu beteiligen.

Es wird ein Modellprogramm zur Bildung von Infrastruktur für intersektorale Kooperation und zur Förderung von Querschnittsprojekten im ÖGD aufgelegt.

Es wird ein Modellprogramm aufgelegt, das die Beteiligung von Städten und Gemeinden an internationalen und nationalen Netzwerken der Gesundheitsförderung und Agenda 21 Projekten unterstützt

Im Bildungssystem wird eine Kampagne zur fächerübergreifenden Gesundheitsförderung gestartet. Dazu werden u.a. einschlägige Ausbildungsgänge überarbeitet.

16.5. Programm- und Akteurskoalitionen aufbauen

Ziele der vorgeschlagenen Programmkoalitionen sind
verbesserte Chancen, Gesundheit implizit oder explizit auf die Tagesordnung zu bringen,
verbesserte Chancen der Umsetzung integrierter Gesundheitsförderung,
Bündelung von Wissen und Ressourcen,
arbeitsteilige Bewältigung von gesellschaftlichen Querschnittsproblemen,
Vernetzung und Bewußtseinswandel bei den Beteiligten.

Umsetzungsvorschläge:

Der "Aktionsplan Umwelt und Gesundheit" wird um die salutogenetische Perspektive ergänzt und im Rahmen eines intersektoralen Schwerpunktprogramms umgesetzt.

Für Kommunen mit Lokalen Agenda 21 Prozessen werden Strukturen und Anreize geschaffen, Gesundheitsförderung in den Prozeß zu integrieren (und umgekehrt).

Gesundheitsförderung wird stärker in die Stadtplanung und -entwicklung integriert.

Weitere ergänzende Vorschläge sind:

Es werden konzeptionelle und rechtliche Voraussetzungen für integrierte Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen und Technikfolgenabschätzung entwickelt.

Die bestehenden Konzepte und Normen zum Öko-Audit werden zu einem Öko- und Gesundheits-Audit erweitert und es werden entsprechende ISO-Normen entwickelt.

Im Öffentlichen Dienst - Verwaltung, Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem - werden Programme zur Verwaltungsreform und Qualitätsverbesserung mit Maßnah-men zur Gesundheitsförderung verbunden.

In der Politik werden Qualitätsmanagement und Politik-Audits für politische Kultur und intersektorale Kooperation eingeführt.

Innovative Interventionsprogramme werden durch flankierende Forschungspro-gramme begleitet und evaluiert.

16.6. Innovationsimpulse stärken: Informationspools und Kompetenznetzwerke

Ziel der folgenden Vorschläge ist die Ausschöpfung von Innovationspotentialen durch neue Informationstechnologie, Vernetzung und neue Kooperationsverfahren.

Ein Referenz- und Transparenz-Zentrum für Gesundheitsförderung ("Nationale Clearingstelle") wird als Bund-Länder-Einrichtung gegründet.

"Kompetenznetzwerke" ressortübergreifender Planung und Politik werden geschaffen und gefördert.

Die bestehenden Informationssysteme mit "Modellen guter Praxis" werden erweitert und allgemein zugänglich gemacht.
16.7. Schlußbemerkungen
Alle diese Vorschläge bedürfen einer verstärkten Bürgerbeteiligung. Formen des Dialogs zwischen Politik, Verwaltung, Experten auf der einen und Bürgern auf der anderen Seite lassen sich unterteilen in Ansätze für Bürgerbefragungen, Information und Meinungsbildung, Beteiligung und Kooperation. Neben den klassischen Formen der Bürgerbefragung, Öffentlichkeitsarbeit und Informationsveranstaltungen haben sich in Programmen der Gesundheitsförderung vor allem aktivierende und partizipative Dialogformen herausgebildet
Es besteht dringender Handlungsbedarf, Gesundheitsförderung im Sinne von Verhältnisprävention und Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebens- und Umweltbedingungen aus dem "Niemandsland organisierter Nicht-Verantwortlichkeit" herauszuholen!
Dazu bedarf es eines Konzepts für die klar geregelte, arbeitsteilige Kooperation der verschiedenen Handlungsträger und Politik-Ebenen untereinander.
Als Prinzip sollte dabei gelten, so wenig wie möglich vorzuschreiben und soviel wie möglich der verbindlichen Selbstorganisation der Träger zu überlassen. Diese verbindliche Selbstorganisation ist aber als Aufgabe gesetzlich vorzugeben.

[Startseite] [Das G-parlament] [Charta] [Neues und Gutes] [Veranstaltungen] [Foren] [Kontakt]