Zukunft mitgestalten!
Gesundheit gestalten ...
Startseite

Das G-parlament

Arbeitsgruppen

Charta

Berlin Charta 1
Berlin Charta 2
Kurzfassung
Vorschläge

Neues und Gutes

Veranstaltungen

Foren

Kontakt


Entwurf von Dr. med. Ellis Huber (Langfassung)

Gesundsein im 21. Jahrhundert

Berliner Charta für ein soziales Gesundheitswese

Inhalt und Gliederung:

I. Situationsbeschreibung und Reformperspektiven

1. Gesundheit für alle
2. Leitbild für den Gesundheitsdienst in sozialer Verantwortung
2.1. Unsere Arbeit dient den Gesundheitsinteressen der Menschen
2.2. Das Gesundheitssystem verstehen wir als soziales Netzwerk
2.3. Unser Denken und Handeln folgt einem ganzheitlichen Menschenbild
2.4. Unsere Aufgaben lösen wir gemeinsam mit den Patienten
2.5. Unsere Leistung ist Hilfe zur Autonomie
2.6. Wir verhalten uns den Menschen zugewandt, kooperativ und offen
3. Das gesundheitspolitische Potenzial der Zivilgesellschaft
4. Neue Leitbilder für die Gesundheitspolitik
5. Neue Ordnungsmuster
5.1. Integrierte Medizin
5.2. Integrierte Versorgung
5.3. Solidarische Regelversicherung und individuelle Wahlmöglichkeiten
5.4. Prozeßsteuerung und individuelles Versorgungsmanagement
5.5. Stärkung der Patientenrechte und der unabhängigen Patientenberatung
5.6. Absicherung der Gesundheitsförderung und der sozialen Verantwortung
6. Gesundheit für den einzelnen Menschen und die gesamte Bevölkerung
7. Funktion und Aufgabe der Gesundheitspolitik
8. Auf dem Weg in die Zukunft
9. Gesundheit 21:
das aktuelle Leitprogramm der Weltgesundheitsorganisation für Europa


II. Eckpunkte und 21 Ziele für ein soziales Gesundheitswesen

10. Gesundheitliche Chancengleichheit durch solidarisches Handeln sichern
10. 1. Solidarität und Subsidiarität (1. Ziel)
10. 2. Gesundheitliche Chancengleichheit (2. Ziel)
11. Bessere Gesundheit für die Menschen in Deutschland
11.1. Gesundheit und Lebenslauf
11.2. Ein gesunder Lebensanfang (3. Ziel)
11.3. Gesundheit junger Menschen (4. Ziel)
11.4. Gesundheit von Erwachsenen
11.5. Altern in Gesundheit (5. Ziel)
11.6. In Würde sterben
12. Prävention und Bekämpfung von Krankheiten und Verletzungen
12.1. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten durch schlechte Gesundheit
12.2. Verbesserung der psychischen Gesundheit (6. Ziel)
12.3. Verringerung übertragbarer Krankheiten (7. Ziel)
12.4. Verringerung nicht-übertragbarer Krankheiten (8. Ziel)
12.5. Verringerung von auf Gewalteinwirkungen und Unfälle zurückzuführende
Verletzungen (9. Ziel)
12.6. Katastrophenfälle
13. Multisektorale Strategien für die Schaffung einer nachhaltigen Gesundheit
13.1. Die biologische Grundlage von Gesundheit
13.1.1. Voraussetzungen des Medizinversuches
(Punkt 1 des Nürnberger Kodex von 1947)
13.1.2. Der "informed consent" als eine Grundlage des Gesundheitswesens
13.1.3. Art des Menschenversuches
13.1.4. Fortpflanzungsmedizin und Pränataldiagnostik
13.1.5. Gendiagnostik
13.1.6. Gentherapie
13.1.7. Transplantationsmedizin
13.1.9. Medizin und Ökonomie
13.1.10. Medizin in Einer Welt


13.2. Natürliche und sozioökonomische Determinanten von Gesundheit
13.2.1. Natürliche Umwelt (10. Ziel)
13.2.2 Soziale und wirtschaftliche Determinanten von Gesundheit

13.3. Gesunde Lebensweisen (11. Ziel)
13.3.1 Gesunde Entscheidungen und gesundes Verhalten
13.3.2. Verringerung der durch Alkohol, Drogen und Tabak verursachten
Schäden (12. Ziel)
13.4. Settings zur Förderung der Gesundheit (13. Ziel)
13.5. Multisektorale Verantwortung für die Gesundheit (14. Ziel)
13.5.1 Rechenschaftspflicht erreichen
13.5.2. Gesundheitsdienliche Maßnahmen anderer Sektoren
14. Ergebnisorientierte Gesundheitsversorgung
14.1. Ein integrierter Gesundheitssektor (15. Ziel)
14.1.1. Lokale Netzwerke bilden
14.2. Die Integration von primärer Gesundheitsversorgung und Krankenhäusern
14.3. Ein qualitätsbewußtes, ergebnisorientiertes Management
der Versorgung (16. Ziel)
14.4. Finanzierung und Zuweisung von Ressourcen für die
Gesundheitsversorgung (17. Ziel)
14.4.1 Finanzielle Ressourcen
14.4.2. Qualifizierung von Fachkräften für gesundheitliche Aufgaben
(Humanressourcen) (18. Ziel)
14.4.3. Arzneimittel
14.4.4. Medizintechnologie
15. Konzepte und Instrumente zur Steuerung des Wandels
15.1. Aufgaben und Ziele
15.2. Ausbau der Wissensbasis für Gesundheit
15.2.1. Forschung zur Förderung der Gesundheit (19. Ziel)
15.3. Mobilisierung von Partnern für gesundheitliche Belange (20. Ziel)
15.4. Konzepte und Strategien für "Gesundheit für Alle" (21. Ziel)

III. Vorschläge zum Handeln

16. Handlungsvorschläge für eine gesundheitsförderliche Politik.
16.1. Politisches Gesamtkonzept und Rahmenplan
16.2. Geeignete Organisationsstrukturen für intersektorale Kooperation schaffen
16.3. Rechtliche und finanzielle Basis für Gesundheitsförderung absichern
16.4. Akteursspezifische Programme entwickeln und einrichten
16.5. Programm- und Akteurskoalitionen aufbauen
16.6. Innovationsimpulse stärken: Informationspools und Kompetenznetzwerke
16.7. Schlußbemerkungen

Gesundsein im 21. Jahrhundert

Berliner Charta
für ein
soziales Gesundheitswesen


I. Situationsbeschreibung und Reformperspektiven

1. Gesundheit für alle

Gesundheit ist ein Maßstab für den sozialen Fortschritt der Informationsgesellschaft. Zunehmend wird Gesundheit als Ressource und Produktivfaktor für die gesellschaftliche Entwicklung gesehen und nicht mehr nur als Kostenfaktor oder Produkt medizinischer Dienstleistung. In den letzten 20 Jahren haben die Vereinten Nationen (UN) einen ausdauernden Prozess internationaler Konsensfindung eingeleitet, der diese neue Sichtweise in politische Programme einbindet:
"Nachhaltige Gesundheit", das Leitbild der Weltgesundheitsorganisation (WHO)und
"Nachhaltige Entwicklung", das Leitbild der Umweltkonferenz von Rio
verknüpfen eine globale Wertorientierung mit lokalem Handeln. Beide Leitbilder setzen auf kommunale und regionale Aktionen und konzipieren eine ganzheitliche und neue Politik der Beteiligung. Die konkreten Projekte der "Gesundheit 21" und der "Lokalen Agenda 21" beweisen, wie Bürgerinnen und Bürger in ihren sozialen Gemeinschaften Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität erhalten und stärken können. Dort wo die Menschen leben, arbeiten und ihre Verhältnisse richten, können sie durch Selbstorganisation und eigenes Handeln soziale Fortschritte erreichen. Inzwischen gibt es einen gesicherten Erfahrungsschatz und ein breites Wissen zur Umsetzung einer nachhaltigen Gesundheits- und Umweltpolitik.

Programme der Gesundheitsförderung können die Lebensbedingungen erfolgreich verbessern, die sozialen, ökonomischen und ökologischen Verhältnisse beeinflussen und soziale Gerechtigkeit mit zwischenmenschlicher Solidarität verbinden. Die Strategien der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung beschreiben die zentralen Aufgaben. Wir müssen

· eine umfassend neue Politik institutionalisieren,
gesundheitsförderliche Lebenswelten schaffen,
gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen unterstützen,
persönliche Kompetenzen entwickeln und
die Gesundheitsdienste neu orientieren.

Eine ganzheitliche Gesundheitspolitik ist dabei effektiver als ein sektorales Vorgehen. Örtliche Gemeinschaften, also Städte, Kommunen und Stadtteile oder soziale Gruppen (Settings) wie Nachbarschaften, Betriebe, Schulen, Familien und Bürgerinitiativen, also ein Settingansatz sind der geeignetste Ort zur Umsetzung von erfolgreichen Entwicklungsprozessen. Wesentlich ist dabei die Beteiligung der Bevölkerung und die Ausbildung von neuen Fähigkeiten und Einstellungen im Umgang mit den Gesundheitsproblemen. Dies alles verlangt eine Bildungsoffensive und eine radikale Veränderung der institutionalisierten Gesundheitsdienste.

Die Vision eines neuen, kooperativen Netzwerkes, das die alten Herrschaftsmuster des Gesundheitswesens durch eine neue Haltung und Einsicht ablöst, formulierte bereits das Programm des Gesundheitstages 1981 in Hamburg:

"Wir weigern uns, Gesundheit als Ziel zu definieren, das von uns stellvertretend für andere gesetzt wird. Es gibt viele Arten von Gesundheit, wie Formen von Schönheit oder Glück; genauso gibt es viele Wege zur Gesundheit und verschiedene Formen des Widerstandes gegen deren Bedrohung. Wir finden unseren Weg in unserem Alltag: wir überwinden die Grenzen oder die Konkurrenz zwischen den Berufsgruppen und die Entfernung zwischen Experten und Laien. Wir lernen voneinander und helfen uns gegenseitig."

Der Gesundheitstag 2000 und das Gesundheitsparlament der Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen, freien Träger, Verbände und sonstigen Nicht-Regierungs-Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland knüpfen an diese Tradition an.
Vor 20 Jahren gelang es, eine Sammlungsbewegung der verschiedensten Ansätze alternativen Denkens und Handelns aufzubauen. In Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums konnten auch alternative Projekte und Vorhaben ihre Nische finden. Heute, wo die öffentlichen Mittel knapp sind, müssen wir uns den grundsätzliche Fragen der Systemgestaltung im Gesundheitswesen stellen.

In der entwickelten Welt der Informationstechnologien können wir uns nicht mehr auf den alten Stand einer oppositionellen Gegenöffentlichkeit zurückziehen. Wir müssen jetzt Verantwortung für den Aufbau von Strukturen übernehmen, die aus den vielfältigen Ansätzen sozialer Gegenentwürfe eine neue sozialpolitische Vision zusammen stellen. Dabei orientieren wir uns an den weltweiten Diskussionen einer nachhaltigen, sozialökologischen Entwicklung und an den Konzepten einer modernen Informations- und Bürgergesellschaft. Wir stellen uns damit in Gegensatz zu den neoliberalen Konzepten und eindeutig auf die Seite der sozial Ausgegrenzten. Deren umfassende Berücksichtigung ist für uns Maßstab einer leistungsfähigen und sozial gerechten Gesundheitsversorgung.

Inzwischen hat sich in vielen Projekten und Netzwerken ein neues Miteinander von professionellen Experten und selbstbewussten Laien bewährt. Diese Gesundheitsbewegung setzt die Bürgerorientierung des Gesundheitswesens konkret um und orientiert die Gesundheitsdienste neu. Wir wissen, dass Gesundheit mehr beinhaltet als die Bereitstellung medizinischer und sozialer Hilfen. Es geht um neue Beziehungen zwischen den Gesundheitsberufen und um ein neues Verhältnis zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen.

Die Organisationslogik des etablierten Systems ist verkehrt, an Interessen und Institutionen, nicht aber an den Menschen und ihren Bedürfnissen ausgerichtet. Die Versorgungsnetzwerke der Zukunft verlangen einen Neuaufbau der regionalen und lokalen Potenziale und eine gemeindeorientierte Gestaltung der Versorgungsstrukturen als lernende und dynamisch sich entwickelnde Organisation. Mit dem Leitbild eines Gesundheitsdienstes in sozialer Verantwortung versuchen wir ein Selbstverständnis zu formulieren, das den beteiligten Professionen und Institutionen die gemeinsame Versorgungsaufgabe bewusst macht und ihr Handeln auf ihre sozialen Werte bezieht.

Das Gesundheitsparlament fordert daher alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens auf, bei ihrer Arbeit und in ihrem Engagement diesem Leitbild zu folgen.


2. Leitbild für den Gesundheitsdienst in sozialer Verantwortung

Wir arbeiten für das Gesundheitswesen und wollen soziale Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und gleiche Heilungschancen für alle Menschen erreichen, die in Deutschland leben. Für uns ist das soziale Gesundheitssystem Bestandteil der gesellschaftlichen Kultur und Grundlage für den Zusammenhalt des Gemeinwesens. Unser fachlicher und persönlicher Einsatz sorgt sich um individuelle und soziale Gesundheit gleichermaßen. Wir setzen uns daher für das Leben, die Gesundheit, das Wohlergehen, den Schutz, das friedliche Zusammenleben und die Würde aller Menschen ein. Unser Gesundheitsdienst in sozialer Verantwortung hilft allen Hilfsbedürftigen ohne Ansehen der Nationalität, der Rasse, der Religion, des Geschlechts, der sozialen Stellung oder der politischen Überzeugung. Wir sehen unsere globale Aufgabe darin, im Kontext des kapitalistischen Wirtschaftssystems die humanen und sozialen Interessen zu vertreten und durchzusetzen. Zwischen individuellem Egoismus und sozialer Verantwortlichkeit, Profitzielen und ethischen Werten versuchen wir eine gesunde Mitte einzuhalten.

2.1. Unsere Arbeit dient den Gesundheitsinteressen der Menschen

Als professionelle Helferinnen und Helfer im Gesundheitswesen tragen wir mit unserem Beruf individuell und gemeinsam Verantwortung für die Gesundheit der Menschen in Deutschland. Wir erfahren in unserer Tätigkeit die gesundheitliche Not von Menschen und können dadurch die gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung unmittelbar artikulieren. Diese Gesundheitsinteressen müssen wir nachhaltig gegen andere politische Interessen durchsetzen.

Als berufstätige Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter sind wir Anwalt für das Wohlbefinden unserer Patienten und Klienten, fachkundige und menschliche Begleiter in Leid und Not und dies zu Beginn, während und am Ende des Lebens sowie Teil eines Gesundheitssystems, das für alle Bürgerinnen und Bürger möglichst gute Gesundheit sichern und allen Kranken wirksam helfen will.

Wir praktizieren und helfen nach bestem Wissen und Gewissen entsprechend dem aktuellen Stand der ärztlichen, pflegerischen oder helfenden Kunst. Die Qualität und Integrität, die Beweggründe und die Folgen unseres Handelns verantworten wir vor uns selbst, vor unseren Fachkolleginnen oder Fachkollegen und vor allem vor den Menschen, die wir betreuen und behandeln.

Es ist ständige Aufgabe unserer beruflichen Gemeinschaften, für eine gewissenhafte und redliche Berufsausübung zu sorgen. Gegenüber Staat und Gesellschaft vertreten wir die Interessen eines sozial integrierenden Gesundheitssystems und wollen für die gesamte Bevölkerung möglichst gesundheitsgerechte Lebensbedingungen erreichen.


2.2. Das Gesundheitssystem verstehen wir als soziales Netzwerk

Als Angehörige der verschiedenen Gesundheitsberufe oder als Beschäftigte der unterschiedlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens stehen wir mit unserer fachlichen Kompetenz auch für die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems ein. In diesem sozialen Organismus ist jedes Teil, Krankenhaus und Praxis, Sozialstation oder Gesundheitszentrum, für die optimale Funktion des Ganzen mit verantwortlich. Alle helfenden Personen und Institutionen sind daher wichtig, aufeinander angewiesen und zur uneigennützigen Kooperation verpflichtet.

In diesem Bewusstsein ordnen und regeln wir gemeinsam mit den Solidargemeinschaften der gesetzlichen Krankenversicherung und den gesundheitspolitisch Verantwortlichen die Gestalt des Gesundheitssystems, die Kommunikationsverhältnisse und das Miteinander der einzelnen Akteure.

Wir respektieren dabei die Begrenztheit der gesellschaftlichen Ressourcen und die daraus abgeleitete Pflicht zum optimierten Mitteleinsatz. Wir wollen Gesundheit für alle zu günstigen gesellschaftlichen Kosten umsetzen und unser Zusammenwirken entsprechend gestalten.

Wettbewerb im Gesundheitssystem muss fair erfolgen und die Motivation zur individuellen Leistung für die gemeinsame Problembewältigung stärken. Damit verbietet sich jede Risikoselektion oder Pfründe-Konkurrenz. Ein gegliedertes Krankenkassensystem darf daher nur unterschiedliche Heilweisen oder subjektive Bedürfnisse, nicht aber unterschiedliche Heilungschancen repräsentieren. Wir suchen den Wettbewerb um möglichst gute Ergebnisse der Heilkunst und messen unsere Leistungen durch offene Vergleiche miteinander und im eigenen Interesse für die ständige Verbesserung unseres Handelns.

2.3. Unser Denken und Handeln folgt einem ganzheitlichen Menschenbild

Gesundheit ist immer ein individuelles und gesellschaftliches Gut. Krankheit äußert sich gleichzeitig in körperlichen, seelischen und sozialen Bezügen. Genetische Bedingungen, Person und Kultur des Menschen sind bei Krankheiten miteinander verwoben. Heilende und
kränkende Kräfte beeinflussen alle Ausdrucksweisen des menschlichen Lebens. Bei unserer Tätigkeit berücksichtigen wir diese komplexen Wechselbeziehungen und stimmen unser Handeln darauf ab.

Die Kunst des Heilens, Pflegens und Helfens umfasst in der Regel pathogenetische und salutogenetische Erkenntnisse, individuelles und soziales Eingreifen, personen- und bevölkerungsbezogene Hilfen. Ein bio-psycho-soziales Verständnis von Gesundheit und Krankheit begründet daher in Theorie und Praxis unsere Gesundheitsförderung, Medizin und Pflege.

Auf der Grundlage dieses Menschenbildes verbietet sich jede Aufspaltung menschlicher Hilfsbedürftigkeit in akut oder chronisch krank, körperlich oder psychisch leidend und medizinisch behandlungsbedürftig oder pflegebedürftig.

Ein menschliches Gesundheitssystem benötigt eine integrierte Gesundheitsversicherung als Kostenträger der ganzheitlichen Patientenbetreuung und Gesundheitsförderung. Die bisherige Aufspaltung der Kostenträger verunmöglicht die Gestaltung einer ganzheitliche Hilfe für kranke Menschen. Daher treten wir für integrierte Versorgungsweisen ein, die alle bisherigen Kostenträger miteinander vernetzen. Die unterschiedlichen Professionen im Gesundheitssystem müssen durch geeignete Selbstorganisation und Selbstverwaltung eine ganzheitliche Gesundheitsversorgung sicherstellen können. Eine sektorale oder berufsständische Zuordnung von Sicherstellungsaufträgen ist nach unserer Überzeugung nicht mehr problemgerecht.

2.4. Unsere Aufgaben lösen wir gemeinsam mit den Patienten

Wir Angehörigen der verschiedenen Gesundheitsberufe definieren für den einzelnen Menschen und seine sozialen Gemeinschaften entsprechend dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und unserer beruflichen Erfahrung eine zweckmäßige, wirksame, menschlich sinnvolle und ausreichende Betreuung, Medizin und Pflege bei Krankheit und Gesundheitsgefahren.

Unser jeweiliger Beruf verpflichtet uns zur umfassenden Qualitätskontrolle unseres Handelns in Theorie und Praxis mit ihren jeweiligen Strukturen, Prozessen und Ergebnissen. Dies gilt für die individuelle, fachliche Tätigkeit im Gesundheitssystem ebenso wie für den Beitrag unserer Profession für das Gesundheitswesen insgesamt.

Wir wissen bei unserer Tätigkeit um die Grenzen der Medizin, die Endlichkeit des menschlichen Lebens und die ökologischen Widersprüche der gesellschaftlichen Verhältnisse. Gesundheit als Ziel unserer Hilfe respektiert die subjektiven Bedürfnisse und Interessen der Menschen und nutzt die Möglichkeiten von Medizin und Pflege, um dem einzelnen Patienten trotz körperlichem, seelischem oder sozialem Handicap ein Mehr an Autonomie in seinem Leben zu verschaffen.

Unabdingbare Voraussetzung für die Qualität unseres Tuns ist dabei die Transparenz aller Maßnahmen und Handlungen und die Beteiligung der Menschen an unseren Entscheidungen.

2.5. Unsere Leistung ist Hilfe zur Autonomie

Professionelle Leistungen im Gesundheitssystem bewerten wir danach, ob sie die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des einzelnen Patienten verbessern und unnötige Abhängigkeiten von Personen, Methoden oder Institutionen der Gesundheitsversorgung vermeiden.

Wir wollen mit möglichst wenig medizinischem oder pflegerischem Aufwand ein Optimum an selbstständiger Problembewältigung und Heilung für den kranken Menschen erreichen. Wir machen keine medizinischen Eingriffe oder pflegerische und gesundheitsförderliche Handlungen ohne Nutzen für den Patienten. Wir behandeln alle, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen, immer so, wie wir selbst in gleicher Lage behandelt werden wollen.

Praktische Medizin, Krankenpflege oder Gesundheitsförderung ist für uns primär helfende Begegnung und heilende Beziehung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigem und erst in zweiter Linie medizinisch-technische, pharmakotherapeutische oder von außen kommende Intervention. Die ärztliche und pflegerische Kunst und die Persönlichkeit des professionellen Helfers gestalten wesentlich den therapeutischen und pflegerischen Prozess. Die freie Arztwahl übereignet dem einzelnen Bürger selbst die Entscheidung, wann er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen will.

Vor diesem Hintergrund müssen die Strukturen und Tätigkeiten im Gesundheitssystem

· persönliche Kompetenzen vor professioneller Dienstleistung,
Selbsthilfe vor fremder Hilfe,
Möglichkeiten der Eigenheilung vor medizinischer Intervention,
gegenseitige Mitmenschlichkeit vor institutioneller Versorgung,
ambulante vor teilstationärer Betreuung,
ambulante Pflege und Therapie vor stationärer Versorgung,
wohnbereichsnahe stationäre Pflege und Therapie vor zentralen Krankenhäusern und Kliniken,
stationäre Grundversorgung vor spezialisierter Maximalversorgung

fördern und sicherstellen. Die Arbeitsbedingungen, die Strukturen und die sonstigen Abläufe des Gesundheitswesens müssen so gestaltet sein, dass sie die Heilkraft der individuellen therapeutischen und pflegerischen Beziehung unterstützen und nach Bedarf auch eine zeitaufwändige, fallbezogene Problembewältigung oder Gesundheitsförderung ermöglichen.

2.6. Wir verhalten uns den Menschen zugewandt, kooperativ und offen

Wir Angehörige der Gesundheitsberufe üben unseren jeweiligen Beruf frei aus. Wir folgen dabei den kulturgeschichtlich gewachsenen, allgemein verbindlichen Normen der Menschenwürde, der ärztliche Ethik und der sozialen Gerechtigkeit. Ehrfurcht vor dem Leben leitet unser Denken und Handeln an. Im Konflikt zwischen individuellen und kollektiven Interessen stehen wir auf der Seite der Armen, Kranken und Schwachen. Wir sorgen damit für eine Beteiligung aller Menschen am sozialen Leben entsprechend ihrer jeweiligen individuellen Fähigkeiten.

Unsere jeweilige Berufspraxis ist mehr durch immaterielle Werte und nicht durch das Streben nach Gewinnmaximierung bestimmt. Daher verzichten wir bewusst auf unbillige Machtansprüche und unkontrollierte materielle Privilegien. Unsere fachliche Entscheidung darf im Gegenzug keinen monetären Zwängen unterliegen. Finanzierungssysteme, die unseren beruflichen Auftrag verfremden oder konterkarieren, lehnen wir ab.

Überhöhte Honoraransprüche oder ungerechte Honorarunterschiede für ärztliche oder gesund-heitsdienliche Leistungen und Spezialkenntnisse empfinden wir als unredlich. Sie stehen im Widerspruch zur Integrität unserer Berufe.

Wir wollen keine hierarchischen Beziehungen zwischen Ärzten und anderen Berufsgruppen, die nicht auf persönlicher Autorität beruhen. Teamarbeit, ein offener und kooperativer Führungsstil, die Bereitschaft zu Selbstkritik und ein ehrlicher Umgang mit den Fehlern und Schwächen unseres Denkens und Handelns bestimmen unsere Tätigkeiten.

Die Herausforderung für die Gesundheit in einer sich wandelnden Gesellschaft verpflichtet uns zu kreativer Reformbereitschaft und zur laufenden Anpassung unserer Arbeit an die jeweils auftretenden Probleme oder Aufgaben. Jede und jeder von uns trägt Verantwortung für die Zukunft des Gesundheitssystems. Unser berufliches Selbstverständnis motiviert uns, eine kontinuierliche Erneuerung des Gesundheitssystems im Interesse der Menschen und ihrer Gesundheit zu übernehmen.

3. Das gesundheitspolitische Potenzial der Zivilgesellschaft

Das erste Gesundheitsparlament repräsentiert das gesundheitspolitische Potenzial der Zivilgesellschaft. Die beteiligten Vereinigungen vertreten in Theorie und Praxis und mit ihrer Verpflichtung auf gemeinnütziges Handeln unmittelbare Gesundheitsinteressen der Bürgerinnen und Bürger. Das Gesundheitsparlament der BürgerInnengesellschaft ist also eine konstruktive Antwort auf den aktuellen Veränderungsdruck und den tatsächlichen Reformbedarf des Gesundheitssystems. Sein Ziel ist es, die gesundheitlichen Interessen der Gesellschaft auf neue Weise sichtbar zu machen und die gesundheitspolitischen Blockaden aufzubrechen, die Parteien, Ministerien, Verbände, Körperschaften oder Wirtschaft daran hindern, die Gesundheitsprobleme kooperativ zu lösen.

Die gewohnten Prinzipien des freien Marktes oder der staatlichen Fürsorge mit ihrer jeweiligen Organisationslogik versagen gegenwärtig vor der Aufgabe, ein soziales Gesundheitswesen und eine menschliche Krankenversorgung für die Bevölkerung und den einzelnen Menschen in Deutschland zu realisieren. "Mehr Markt" löst die vorhandenen Probleme der individuellen und sozialen Gesundheit ebenso wenig wie "mehr Staat". In dieser Situation müssen die Bürgerinnen und Bürger selbst die Initiative ergreifen und einen neuen Weg einschlagen.

Die bundesdeutsche Gesellschaft ruht auf den Säulen
eines demokratischen Staatswesens,
einer sozialen Marktwirtschaft und
dem Dritten Sektor der Zivilgesellschaft.

Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander und bilden miteinander agierende Wirkkräfte für die gesellschaftliche Produktivität und die soziale Entwicklung. Die Gesundheit der Bevölkerung hängt wesentlich davon ab, wie ausgleichend das Zusammenspiel von staatlicher Machtausübung, geldgesteuertem Markt und sozialer Selbstorganisation gelingt. Das Gesundheitssystem wird so zum Schlüssel für eine wirtschaftlich erfolgreiche und sozial attraktive Gesellschaft von morgen. Mit seiner Wirtschaftskraft, seinen humanen Werten und seiner sozialen Bedeutung kann es eine neue Balance zwischen Staat, Markt und Bürgergesellschaft herstellen.

Die gegenwärtigen Prozesse der Ökonomisierung und auch der Bürokratisierung im Gesundheitssystem sind längst zu einer Gefahr für die Gesundheit der einzelnen Menschen und des Gemeinwesens insgesamt geworden. Eine Medizin und Pflege in sozialer Verantwortung scheitert heute gleichermaßen am Terror der Ökonomie wie am Terror der Bürokratie. Die Berliner Charta für ein soziales Gesundheitswesen antwortet auf die bürokratische Sklerose und die korrumpierende Kommerzialisierung des bundesdeutschen Gesundheitswesens mit einer neuen Vision: Die Zivilgesellschaft als Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger organisiert ihre Gesundheit selbst und weitestgehend unabhängig von Markt und Staat.

Eine konsequente Neuorientierung aller beteiligten Akteure, der Professionellen und der Laien, der Experten und der Betroffenen, auf offene Kooperation und bewusste Integration kann die sozial bedrohlichen Entwicklungen der Gegenwart durchbrechen und neue Zukunftsperspektiven erschließen. Das Gesundheitssystem wird dadurch zur Basis für eine Reorganisation der Interessen des Gemeinwohls und zur gesellschaftlichen Quelle für neue Solidarität und Mitmenschlichkeit. Die Zivil- oder BürgerInnengesellschaft entwickelt Eigeninitiative, Selbsthilfe und freiwilliges Engagement von Menschen für andere. Diese soziale Wertschöpfung hat in den letzten Jahren mehr zu einer inneren Stabilisierung des Gesundheitssystems beigetragen als staatliche Eingriffe oder wirtschaftliche Interessen. Heilen, Pflegen und Helfen sind soziale Wertschöpfungsprozesse, die unsere Gesellschaft bilden und zusammenhalten.

Die Mehrheit der Patienten will nicht mehr fürsorglich behandelt und als Objekt der Medizin entmündigt oder als Konsument ausgebeutet werden. Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Versicherte und Patienten wollen an den Maßnahmen des Heilens und Helfens beteiligt sein. Gesundheit für den einzelnen Menschen und seine sozialen Gemeinschaften von der Nachbarschaft bis zur Nation wird zu einem gemeinsamen Wert, der nicht an der Börse gehandelt werden kann. Gesundheit als Ziel bildet ein Bindegewebe, das die Menschen jenseits von ökonomischen und privaten Beziehungen miteinander verbindet.

Die Bürgerorientierung des Gesundheitssystems, die Umsetzung einer Integrierten Medizin und die Gestaltung einer Integrierten Gesundheitsversorgung sind die zentralen Herausforderungen für die Reanimation des Sozialen in Deutschland und die Pflege des Gemeinwohls in der Informationsgesellschaft.

Die Gesundheitsbewegung, die psychosomatische Medizin oder die psychosozialen Berufe entwickeln seit langem Alternativen und neue Konzepte: regionale und dezentrale Selbstorganisation prägen diese vielfältigen Anstrengungen. Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen, selbstkritische Experten und selbstbewusste Laien wirken zusammen. Interdisziplinäre Teamarbeit, kooperative Netzwerke und ein neues Miteinander der ärztlichen, pflegerischen und psychosozialen Kompetenzträger begründen ganz real und mit Erneuerungskraft von unten eine neue Gesundheitskultur. Leitbilder dieser Entwicklung sind eine ganzheitliche Medizin und eine offen kommunizierende, lernende Organisation. Das soziale Gesundheitssystem der Zukunft besitzt also eine theoretische und praktische Basis, die bereits heute subsidiäre Solidarität praktiziert und neue Mitmenschlichkeit verwirklicht.

Mit dem Untergang des Sozialismus hat der Kapitalismus die sozialen Fragen nicht gelöst. Sie stellen sich neu und - wie alle Menschen spüren - drängender denn je. Ein ökologisch denkendes und sozial gerecht wie human handelndes Gesundheitssystem ist die Grundlage der künftigen Zivilgesellschaft. Die aggressiven und selbstsüchtigen Profitinteressen einer kapitalistischen Wirtschaft müssen durch ein Non-Profit-System der gesundheitlichen und sozialen Dienstleistung ausgeglichen werden, damit tatsächlich eine "Neue Mitte" zwischen individuellem und sozialem Wohlbefinden entsteht. Die entscheidende Frage lautet: gehört das Gesundheitssystem der Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen oder dem Kapital mit seinen Interessen? Sozialer Gewinn und nicht individueller Profit sollten das Produktionsziel eines modernen und sozialen Gesundheitssystems sein: Gesundheit für alle Bürgerinnen und Bürger zu möglichst günstigen Kosten. Diese Zielsetzung beschreibt eine realistische Utopie, die jetzt auf Realisierung wartet.

4. Neue Leitbilder für die Gesundheitspolitik

Das Leitbild eines Gesundheitsdienstes in sozialer Verantwortung bewertet eine konsequente Orientierung der Gesundheitsversorgung an sozialen Zielen und gesellschaftlichen Werten höher als die monetären Interessen von einzelnen Gruppen oder Institutionen. Diese Sicht der Dinge fordert auch von der Gesundheitspolitik eine grundlegende Neuorientierung.

Das Gesundheitssystem und die Medizin der Industriegesellschaft kultivieren erfolgreich die Möglichkeiten einer pathogenetischen Sicht auf die Gesundheitsprobleme der Menschen. Krankheit wird als Abweichung von der Regel verstanden, als Störung, die mit einem breiten Arsenal von Reparatureingriffen bekämpft wird. Das Gesundheitssystem erscheint als weit verzweigtes und für den einzelnen nicht mehr durchschaubares Räderwerk einer hoch differenzierten Reparaturindustrie für körperliche, seelische oder soziale Schäden. Die bisherige Gesundheitspolitik will diese komplexe Maschinerie beherrschen und das Getriebe funktional steuern.

Am Übergang zur Informationsgesellschaft verändern sich die Sichtweisen. Die salutogenetische Perspektive fragt nach den gesunden Potenzialen des einzelnen Menschen. Krankheit wird als Handicap verstanden, als Beeinträchtigung des Lebens, die mit helfender Intervention bewältigt werden muss. Das Gesundheitssystem gilt als sozialer Organismus, in dem alle beteiligten Akteure sinnvoll miteinander kooperieren und im gemeinsamen Interesse handeln müssen. Die Gesundheitspolitik muss die Regeln des Zusammenspiels so formulieren, dass kranke Menschen mit angemessener und preisgünstiger Hilfe ihr Problem bewältigen und möglichst selbstständig ihr Leben meistern können.

Im Gesundheitssystem der postindustriellen Gesellschaft sind Patienten und Bürger tatsächlich aktiv Beteiligte. Die subjektive Lage, die individuelle Motivation und die eigene Kompetenz der Betroffenen entscheiden wesentlich über den Erfolg, die Wirtschaftlichkeit und das soziale Ergebnis der gesundheitlichen oder sozialen Dienstleistung mit. Medizinische Technik und ärztliche Kunst verbinden sich mit der spezifischen Produktivkraft der Menschen, die sich selbst mit ihren Gesundheitsstörungen oder Krankheitsproblemen auseinander setzen.

Die guten Versorgungsprozesse kennzeichnet im Kern eine geglückte Koproduktion von professionellem Handeln und eigener Leistung der Patienten. Die Wirksamkeit der gesundheitlichen Dienste wird also wesentlich durch die Qualität der Beziehung zwischen Anbieter und Nutzer bestimmt.

Die Weltgesundheitsorganisation formuliert diese neue Perspektive unter den Konzepten der Gesundheitsförderung und der nachhaltigen Entwicklung. Beide Entwicklungsströme des weltweiten Erkenntnis und Verständigungsprozesses müssten auch für Deutschland eine grundlegend neue Gesundheitspolitik zur Folge haben. Da die Impulse zur Veränderung, die von oben kommen, allein nicht ausreichen, aktiviert das Gesundheitsparlament eine Bewegung von unten. Die globale Neuorientierung der gesundheitspolitischen Konzepte muss mit regionalem Handeln zur Erneuerung der Gesundheitsversorgung verknüpft werden.

Das Gesundheitssystem der Informationsgesellschaft wird mit gleicher Anstrengung gegen Krankheiten vorgehen und für Gesundheit sorgen. Die krankheitszentrierten Interventionsstrategien der Industriekultur werden mit den gesundheitsorientierten Entwicklungsprozessen des Informationszeitalters so verknüpft, dass im Gesundheitssystem der Zukunft beide Wege als gleich wichtig gelten und auch gleichberechtigt genutzt werden. Die auf dem Gesundheitstag 2000 gestartete "Salutive" (Salutogenese und Bürgerinitiative) organisiert diesen Modernisierungsprozess mit neuen Instrumenten, Strukturen und Handlungsweisen.


5. Neue Ordnungsmuster

Ausgehend vom Leitbild des Gesundheitsdienstes in sozialer Verantwortung stehen in der Bundesrepublik Deutschland sechs zentrale Ordnungsmuster zur Diskussion, die reflektiert und konsequent modernisiert werden müssen: eine neue Medizin, eine Neuordnung der Sicherstellungsaufträge, ein neues Kassensystem, ein neues Strukturprinzip, eine Stärkung der Patientenrechte und die Institutionalisierung der Gesundheitsförderung.

5.1. Integrierte Medizin:

In Theorie und Praxis von Medizin und Pflege muss ein radikal neues Konzept realisiert werden, das gesundheitsförderliche (salutogene) und krankheitsbekämpfende (pathogene) Maßnahmen umfasst. Die wissenschaftliche Auftrennung von Körper und Seele oder von Mensch und Umwelt , wie sie für das naturwissenschaftliche Verständnis der Medizin im 19. und 20. Jahrhundert typisch war, muss einem Denken Platz machen, in dem das menschliche Leben als hochgradig vernetzte Systemwelt begriffen wird. Die Gesellschaft beeinflusst die Gesundheit der Bürger durch die von ihr erzeugten Risiken und durch die von ihr bereitgestellten Gesundheitspotenziale. Mensch und Umwelt, Körper und Seele, Individuum und soziales Gefüge sind durch kontinuierliche Wechselwirkungen miteinander verknüpft. Kränkende und heilende Faktoren wirken gleichermaßen auf das Individuum ein und dieses prägt mit seinem Verhalten auch die sozialen Verhältnisse.

Der Hausarzt und der Krankenhauspraktiker sind in der Gesundheitsversorgung von heute herausgefordert, für Menschen mit körperlichen, seelischen und sozialen Problemen einen selbstständigen und selbstbestimmten Alltag zu gestalten. Sie müssen im Einzelfall ein gesünderes Leben trotz Behinderung organisieren helfen. Die Leistungen von Medizin und Pflege umfassen ein komplexes Netzwerk von Hilfe und Unterstützung. Dazu gehören beispielsweise auch Gespräche mit Angehörigen, Kontakte zu Handwerkern, die Wohnraum behindertengerecht umbauen, die Vermittlung von Selbsthilfegruppen oder die Ermutigung von Nachbarn, ein Versorgungsproblem mit zu lösen.

Medizin und Pflege muss den einzelnen Menschen ermuntern, möglichst selbstbestimmt und selbstverantwortlich mit seiner Lage fertigzuwerden. Gesundheit heißt Autonomie für die betroffene Person: Autonomie trotz eines körperlichen, seelischen oder sozialen Handicaps. Autonomie ist also das 'Produktionsziel' einer sozial verantwortlichen Heilkunst.

Bisher ist das Gesundheitswesen zu einseitig auf die konventionelle Schulmedizin ausgerichtet. Der eingeschränkte Horizont der herkömmlichen Naturwissenschaft hat ein ganzheitliches und psychosoziales Gesundheitsverständnis an den Rand gedrängt und die Naturheilverfahren und alle anderen Heilweisen ausgegrenzt, die den gesundheitswissenschaftlichen Beweis ihres Nutzens längst erbracht haben.
Zukünftig müssen bewährte Heilverfahren aus den verschiedensten medizinischen Richtungen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Das Gesundheitswesen braucht Wahlfreiheit und keine Ausschließlichkeitsansprüche durch medizinische Dogmen.

5.2. Integrierte Versorgung:

Das Gesundheitssystem ist als ein vernetzter Organismus zu gestalten, in dem das Zusammenspiel aller Akteure am Gesamtnutzen ausgerichtet wird. Krankenkassen und Dienstleister sind gemeinsam für das Gelingen der Versorgungsprozesse verantwortlich, Indikationsmacht und Finanzierungsgewalt dürfen nicht aufgespalten werden. Das jetzige System begünstigt eine Krebszellökonomie, bei der Vorteilsgewinne im Subsystem das Gesamtsystem sprengen. Die bisher getrennte Zuständigkeit für Qualität und Ökonomie der Versorgung müssen also integriert werden. Bugetregulierungen ohne eine veränderte Haltung zwischen Solidargemeinschaften und Dienstleistungserbringern greifen zu kurz. Der weitaus wirksamere ökonomische Hebel als die jetzigen Versuche einer bugetgesteuerten Gemeinwirtschaft ist eine radikale Veränderung der Honorarsysteme und Vergütungsweisen. Dies setzt eine grundlegend neue Definition von Leistungen im Gesundheitswesen voraus. Das jetzige Finanzierungsgefüge ist nicht in der Lage das System leistungsbezogen, aufgabenorientiert und ökonomisch zu steuern.

Es ist eben keine Leistung, möglichst viele EKG's in Hamburg zu schreiben, die Zahl der Gelenkoperationen in Bayern zu verdoppeln oder die Besuchsfrequenz der Krankenversicherten in den Arztpraxen maximal zu steigern. Die Zahl der Krankenhausbetten oder der Röntgenbilder in einer Region misst auch nicht die Gesundheit der Bevölkerung. Im Gegenteil: Quantitativer Einsatz von Medizintechnologie kann qualitativen Rückschritt für die 'Gesundheitsproduktion' bedingen, wenn damit individuelle Abhängigkeit oder persönliche Unterwürfigkeit gegenüber profitablen Dienstleistungskonzepten erreicht wird.

Bisher ist das Honorarsystem für ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte so angelegt, das es Abrechungsmanipulationen und Korruption geradezu herausfordert. Ärzte müssen sich mehr um ihre Abrechnungen kümmern als um ihre Patienten. Medizinische Entscheidungen sind verknüpft mit der Höhe der eigenen Einnahmen. Dieses Honorarsystem muss radikal vereinfacht und grundsätzlich umgestellt werden, da es die Qualität und die soziale Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens beschädigt.

In den Krankenhäuser dominiert nach wie vor eine leistungshemmende Hierarchie. Berufliches Fortkommen wird an Willfährigkeit und Unterwürfigkeit gegenüber den herrschenden Strukturen geknüpft. Qualitätsorientierte und berufsgruppenübergreifende Teamarbeit wird behindert, Einkommen ist nicht von wirklicher Leistung abhängig.

Zukünftig sollen Ärzte und Ärztinnen ein angemessenes Pauschalhonorar erhalten, das sich an der aufgewendeten Betreuungszeit ausrichtet. Zeitbezogene Honorare verknüpft mit einem kontinuierlichen, ergebnisorientierten Qualitätsmanagement sind am besten geeignet, komplexe Leistungen gerecht und motivierend zu bewerten. Zeithonorare geben Ärztinnen und Ärzten wieder den Freiraum, ihrer eigentlichen Profession nachzugehen und sich um die Gesundheit ihrer Patienten ganzheitlich zu kümmern. Sie müssen ausreichend Zeit für ihre Patienten haben, ohne dass ihr eigenes Honorar davon abhängt.

5.3. Solidarische Regelversicherung und individuelle Wahlmöglichkeiten:

Eine Neugestaltung und radikale Vereinfachung des Krankenversicherungssystems ist notwendig - mit einer Pflichtversicherung für alle und Wahlmöglichkeiten für jeden. Die solidarisch finanzierte "Gesundheitsversicherung" deckt dann den medizinischen Bedarf ab, also eine Basisversorgung auf hohem Niveau und mit allen Hilfen, die im Krankheitsfall nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und der ärztlichen Erfahrung nützlich, wirksam und vernünftig sind. Private Zusatzversicherungen oder Zahlungen übernehmen die zusätzlichen Bedürfnisse, also die Dienstleistungen, die gut tun und das Wohlbefinden stärken, aber keinen von der individuellen Entscheidung unabhängigen Gesundheitsnutzen besitzen.

Gesetzliche und private Krankenversicherung müssen rechtlich gleichgestellt werden und beide Kassensysteme sollen künftig - ähnlich wie bei dem Modell der Schweiz - Regelversorgung und Wahlmöglichkeiten anbieten können. Eine solche Gliederung des Versorgungssystems stellt einen viel vernünftigeren Ausgleich zwischen Individualismus und gesellschaftlicher Solidarität sicher, als das bestehende Ordnungsmuster.

Die bisherige Aufspaltung der Finanzierungsverantwortung für gesundheitliche Dienstleistungen in Pflegeversicherung, Krankenversicherung, Unfallversicherung und Rentenversicherung muss mit einer integrierten "Gesundheitsversicherung" überwunden werden.

Die heutige Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung auf der Basis der Lohneinkünfte reicht nicht mehr aus. Eine Berücksichtigung von Kapitaleinkünften (Gesundheitssteuer) und Sonderabgaben für gesundheitsgefährdende Produkte lösen das Problem einer sinkenden Lohnquote und einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit. Bisher profitieren nämlich bestimmte Industriebranchen von gesundheitsschädlichen Produkten, während die finanziellen Folgen für das Gesundheitssystem der Solidargemeinschaft aufgebürdet werden. Konkret: Tabak-, Mineralöl- oder Alkoholproduzenten und auch andere Unternehmen mit eindeutig gesundheitsgefährdenden Produkten verdienen am Umsatz, die Gemeinschaft aller Versicherten muss für die finanziellen Folgen der dadurch verursachten Krankheiten aufkommen. Zukünftig sollte das Verursacherprinzip konsequent umgesetzt werden Wer von der Gesundheitsschädigung anderer profitiert, muss auch für nachweisbare finanzielle Folgen gerade stehen. Eines der wirkungsvollsten Mittel dagegen sind Sonderabgaben auf gesundheitsgefährdende Produkte, die als solche eindeutig identifiziert und in ihrer Wirkung quantifizierbar sind.

5.4. Prozesssteuerung und individuelles Versorgungsmanagement:

Bisher irren Patienten oft jahrelang durch das Versorgungssystem und werden zum Objekt lukrativer aber fragwürdiger medizinischer Angebote. Der einzelne Kranke und Hilfsbedürftige sucht vergeblich nach einer verlässlichen und vertrauenswürdigen Begleitung oder Unterstützung im Umgang mit dem Versorgungssystem.

Die Versorgungsprozesse müssen auf ein individuelles "Case-Management" umgestellt werden, das im Einzelfall für kranke und hilfsbedürftige Menschen die sinnvollste und beste Hilfe quer zu den heutigen Versorgungssektoren und institutionellen Grenzen organisiert. Die Hilfen sind immer von den Menschen her zu denken und nicht danach, was sich für eine Arztpraxis, Sozialstation oder Krankenhaus am meisten rechnet.

Die Wertbestimmung für medizinische Angebote muss also vom Patienten her erfolgen und mit dem Kranken zusammen abgestimmt sein. Der Nutzen ärztlicher Maßnahmen ist im Dialog mit dem 'Kunden', zwischen Arzt und Patient im Einzelfall zu definieren. Wenn das gewünschte 'Produkt' so individuell bestimmt ist, sollte der Wertschöpfungsprozess das Ziel in möglichst kurzer Zeit und zu möglichst geringen Kosten erreichen. Der moderne Hausarzt (dies kann in der Praxis auch ein Internist, Frauenarzt, Kinderarzt oder Arzt für Psychotherapeutische Medizin sein) übernimmt im Gesundheitssystem von morgen im Team mit anderen Gesundheitsberufen die Aufgabe des individuellen Case-Managements.

Das Individuelle Case-Management wird zum neuen Strukturmuster der Versorgungsprozesse, das die bisherige sektorale Gliederung ablöst und eine integrierte Gesundheitsversorgung sicherstellt. Dies lässt sich nur realisieren, wenn die Professionen und Institutionen, Ärzte und Krankenkassen, Dienstleister und Finanziers eine systemische Sicht übernehmen und zu einem neuen Miteinander finden

5.5. Stärkung der Patientenrechte und der unabhängigen Patientenberatung

Bisher ist das Verhältnis der Patienten zu ihren Ärzten und zu ihrer Krankenkasse von einseitiger Abhängigkeit geprägt. Das Leitbild eines informierten, selbstverantwortlichen und mündigen Patienten scheitert an der fehlenden Informations- und Leistungstransparenz. Patienteninformationssysteme, Gesundheitsdaten und qualifizierte Beratungsangebote sind nicht flächendeckend verfügbar oder sie sind durch Partikularinteressen verfremdet.

Zukünftig müssen qualitativ hochwertige Informationen zur Gesundheitsversorgung benutzerfreundlich aufbereitet und allgemein zugänglich sein. Der mündige Patient benötigt eine entsprechende Infrastruktur, um für seine Bedürfnisse und Interessen handlungsfähig zu sein. Die Rechtsstellung der Patienten bedarf einer deutlichen Stärkung.

5.6. Absicherung der Gesundheitsförderung und der sozialen Verantwortung

Bisher ist das Gesundheitssystem nicht auf die Methoden und Möglichkeiten der Gesundheitsförderung ausgerichtet. Die medizinischen Dienste produzieren Abhängigkeit statt Autonomie für die Patienten und Hilfesuchenden. Die Lobby der Professionen und Institutionen stellt zu sehr eigennützige Interessen über das Gemeinwohl und die Funktionärseliten werden ihrer sozialen Verantwortung zu wenig gerecht.

Gesundheitsförderung und Selbsthilfeunterstützung benötigen eine klare und gesetzlich fixierte Basis. Die Führungskräfte in der ärztlichen Selbstverwaltung, bei Krankenkassen und den medizinischen Diensten müssen ihre Tätigkeit in sozialer Verantwortung verstehen und nachweislich und nachvollziehbar für das Gemeinwohl arbeiten. Dies erfordert ein völlig neues Selbstverständnis von den Beteiligten und eine kooperative Führungskultur im Versorgungssystem. Die Verantwortung für das regionale Versorgungsmanagement und die Controlling- oder Qualitätssicherungsfunktionen benötigt einen gemeinsamen Träger neuer Art.

Die bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Integrierten Versorgung, zu den Modellvorhaben zum Patientenschutz oder zum Qualitätsmanagement lassen eine Entwicklung in diese Richtungen tendenziell zu.

Das Gesundheitsparlament fordert alle Beteiligten auf, diese neuen Möglichkeiten offensiv und vielfältig zu nutzen.

6. Gesundheit für den einzelnen Menschen und die gesamte Bevölkerung

Gesundheit ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen und von wesentlicher Bedeutung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.

"Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen. Gesundheit ist eine zentrale gesellschaftliche Ressource und auch Maßstab für den gesellschaftlichen Fortschritt".

So beschreibt die Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung die neue Perspektive und den vor uns liegenden Weg in die Zukunft.

Der Wandel von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft und die grundlegende Veränderung des Krankheitspanoramas erzwingen im Interesse des einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung eine fundamentale Neuausrichtung des Denkens und Handelns. Das Gesundheitssystem der Bundesrepublik Deutschland durchläuft eine Phase des Umbruchs und der strukturellen wie kulturellen Unsicherheit, in dem das Verhältnis zwischen solidarischer Sicherheit und individueller Eigenverantwortung neu ausgehandelt wird. Zwischen Markt und Staat kann der Dritte Sektor das soziale Auseinanderdriften unter den Bedingungen der Globalisierung auffangen und das soziale Bindegewebe neu stabilisieren. Die Zivilgesellschaft muss dazu ihre gesundheitspolitischen Bedürfnisse auf neue Art und Weise zur Geltung bringen und kontinuierlich artikulieren. Diesem Ziel dient die Institutionalisierung des Gesundheitsparlamentes.

Der fürsorgliche Wohlfahrtsstaat ist den heutigen Problemen von Individualisierung und Vereinzelung, von sozialer Not und gesundheitlicher Gefährdung nicht mehr gewachsen. Der Kapitalismus löst die zentralen gesundheitlichen und sozialen Fragen ebenso wenig. Das Zukunftskonzept der Bürger- und Zivilgesellschaft fordert daher weniger Staat und mehr Gesellschaft, günstige Rahmenbedingungen für Eigeninitiative, Selbsthilfe, freiwilliges Engagement und dezentrale Netzwerke des solidarischen Miteinanders. Das Leitbild eines aktivierenden Sozialstaates integriert die Prinzipien von Subsidiarität und Solidarität in neuen, regionalen Versorgungskonzepten.

Ein modernes Gesundheitssystem verbindet Gesundheit für den einzelnen Bürger mit gesellschaftlicher Gesundheit und begreift individuelles Wohlbefinden und allgemeines Wohl als dynamisches Beziehungsverhältnis. Gesundheit ist kein Zustand sondern ein Prozess, in dem sich gelingendes Leben und auch würdiges Sterben verwirklichen können.

Mehr Gesundheit wird vor allem durch eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Lebens- und Arbeitswelten, der sozialen Beziehungen und der individuellen wie kollektiven Verhaltensweisen erreicht. Die gleichen Faktoren helfen auch bei der Überwindung von Krankheiten. Der Einfluss von kurativer Medizin auf die Lebensqualität, die Funktionsfähigkeit und die Gesundheit von Menschen oder auf die Morbidität und Mortalität in der Gesellschaft sind demgegenüber begrenzt.

Die Industriekultur versteht Gesundheit als Zustand ungestörter Leistungsfähigkeit und Krankheit als reparaturbedürftigen Maschinenschaden. Die Informationskultur begreift Gesundheit als kontinuierlichen Lebensprozess und Krankheit als Zeichen in einem gestörten Beziehungsgeflecht. Das mechanistische Menschenbild in der Medizin und Krankenversorgung wird durch eine biopsychosoziale Sichtweise abgelöst. Die Humanmedizin und die Krankenpflege des Kommunikationszeitalters entwickeln in Theorie und Praxis ein ganzheitliches und systemisches Umgehen mit den Gesundheitsproblemen der Menschen.

Das Gesundheitsparlament als Ort der Diskussion und Instrument zur Kommunikation beschleunigt und aktiviert diesen Prozess.


7. Funktion und Aufgabe der Gesundheitspolitik

Gesundheitspolitik umfasst alle Aspekte der gesellschaftlichen Anstrengung zur Förderung, zum Schutz und zur Wiederherstellung von Gesundheit und zur Abwehr und zur Bewältigung von Krankheit. Sie gestaltet also den gesellschaftlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit und sie organisiert das soziale Management der Gesundheitsrisiken vor und nach ihrem Eintritt und der Krankheitsprobleme vor und nach ihrem Auftreten. Dies beinhaltet

· das Formulieren der individuellen und sozialen Gesundheitsziele,
das Umsetzen der individuellen und sozialen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und zur Krankheitsbewältigung,
die Linderung individueller und sozialer Krankheitsfolgen,
die Gestaltung und Steuerung der damit befassten Institutionen, Organisationen und Berufsgruppen und
die kontinuierliche Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung.

Das Ziel der Gesundheitspolitik ist die Entwicklung von Lebensbedingungen und Lebensverhältnissen, die krankheitsbedingte Einschränkungen der Lebensqualität und das vorzeitige Sterben von Menschen verhindern und allen die Chance eröffnen,

· gesund auf die Welt zu kommen,
darin möglichst lange und gut zu leben und
mit Würde zu sterben.

Um dieses Ziel zu verwirklichen muss Gesundheitspolitik mit allen verfügbaren Möglichkeiten der Gesellschaft

· krankmachende Belastungen für den einzelnen und für Bevölkerungsgruppen mindern,
gesundheitsdienliche Ressourcen individuell und kollektiv fördern und
die dafür notwendigen Fähigkeiten und Haltungen , Hilfen und Versorgungsdienste, Unterstützungsverfahren und Behandlungsmethoden bereitstellen.

Gesundheitspolitik findet daher überall dort statt, wo durch die Gestaltung von Verhältnissen, Verhaltensbedingungen oder Verhaltensanreizen die bevölkerungsbezogene und die individuelle

· Wahrscheinlichkeit von Erkrankung,
Verschlimmerung oder Chronifizierung von Krankheiten,
Einschränkung der Lebensqualität und
das Sterben

positiv oder negativ beeinflusst werden. Alle Akteure, die Entscheidungen über die Gestaltung von Arbeits-, Umwelt-, Konsum- und Lebensbedingungen treffen, Professionen und Institutionen der sozialen und gesundheitlichen Dienstleistung, Individuen und soziale Gruppen oder die gesamte Bevölkerung können von Gesundheitspolitik betroffen sein oder sie betreiben.


8. Auf dem Weg in die Zukunft

Gesundheitspolitik geschieht auf internationaler und nationaler Bühne (Makro-Ebene), in regionalen und kommunalen Beziehungsnetzen oder in großen und kleinen Organisationen und Verbänden (Meso-Ebene) und im direkten Zusammenspiel von Akteuren und Betroffenen in den vielfältigen Einrichtungen und Diensten des Gesundheitswesens (Mikro-Ebene). Im Bereich der Gesundheits- und Umweltpolitik hat sich auf der internationalen Ebene ein grundlegenden Wandel (Paradigmawechsel) der bisherigen Sichtweisen und Bewertungen ereignet. Die Programme der "Gesundheitsförderung" und der "nachhaltigen Entwicklung" streben eine systematische Umgestaltung der Lebensbedingungen zum Wohle der Menschen an.

Der internationale Prozess der Modernisierung von Gesundheitsversorgung und Umweltschutz begann mit der dreißigsten Weltgesundheitsversammlung 1977 und der Vision "Gesundheit 2000", die 1978 mit der Erklärung von Alma-Ata zur primären Gesundheitsversorgung konkretisiert wurde. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO verabschiedeten 1980 die europäische Strategie zur Erreichung des Ziels "Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000", mit der sie sich auf eine gemeinsame Gesundheitspolitik einigten. Diese radikale gesundheitspolitische Neuorientierung stellt vier Aspekte in den Mittelpunkt:

· Lebensweisen und Gesundheit,
Risikofaktoren für die Gesundheit und die Umwelt,
Neuausrichtung der Gesundheitsversorgungssysteme und
neue politische Konzepte zur Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit.

Damit wurde die neue gesundheitspolitische Ära auf der internationalen Ebene eingeleitet, die 1984 zur Verabschiedung des europäischen Programms "Gesundheit 2000" führte, das in 38 Einzelzielen die gesundheitspolitischen Prioritäten neu setzte. Es geht darum:

· Die Chancengleichheit gegenüber der Gesundheit durch den Abbau sozialer Unterschiede kontinuierlich zu verbessern.
Die Autonomie von Menschen trotz körperlicher, seelischer oder sozialer Handicaps zu stärken, damit ihr Leben lebenswerter wird.
Die Häufigkeit und den Schweregrad von Krankheiten und funktionellen Behinderungen so zu verringern, dass die Menschen gesünder leben.
Die Zahl vorzeitiger Todesfälle zu minimieren und die Lebenserwartung zu steigern.

Die erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung verabschiedete 1986 auf der Basis der Deklaration von Alma-Ata und des europäischen Programms die "Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung":

"Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistem bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit ebenso betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor, sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden."

Die darauf aufbauenden internationalen Konferenzen beschäftigten sich mit den einzelnen Schlüsselstrategien der Gesundheitsförderung und die vierte Internationale Konferenz zog 1997 mit der "Jakarta-Erklärung zur Gesundheitsförderung im 21. Jahrhundert Bilanz:

"Gesundheit ist ein grundsätzliches Menschenrecht und wesentlich für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.
Gesundheitsförderung wird vermehrt als wesentlicher Bestandteil von Gesundheitsentwicklung begriffen. Sie stellt einen Prozess dar, mit dem Menschen verstärkt in die Lage versetzt werden, Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen und schließlich ihre Gesundheit zu verbessern. Durch Investitionen in Gesundheit und konkrete Aktionen beeinflusst Gesundheitsförderung die Determinanten von Gesundheit. Dadurch wird der größtmögliche Gesundheitsnutzen für die Menschen erreicht, was wiederum deutlich zu einer Verringerung von Ungleichheiten im Gesundheitszustand der Bevölkerung beiträgt und damit die Verwirklichung der Menschenrechte fördert und die menschlichen Ressourcen der Gesellschaft weiterentwickeln hilft. Das wichtigste Ziel der Gesundheitsförderung liegt in der Steigerung der Lebenserwartung, wodurch die Unterschiede zwischen Ländern und bestimmten Bevölkerungsgruppen verringert werden."

Die erste europäische Konferenz "Umwelt und Gesundheit" verabschiedete 1989 in Frankfurt die "Europäische Charta Umwelt und Gesundheit":

"Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Umwelt, die ein höchstmögliches Maß an Gesundheit und Wohlbefinden ermöglicht, auf Informationen und Anhörung über die Lage der Umwelt, sowie über Pläne, Entscheidungen und Maßnahmen, die voraussichtlich Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben und auf Teilnahme am Prozess der Entscheidungsfindung."

Gesundheit hat danach Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen und die Umwelt ist so zu gestalten, dass sie ein möglichst gesundes Leben erlaubt.

Die zeitgleich und parallel verlaufenden internationalen Prozesse zur Gesundheitsförderung und nachhaltigen Entwicklung im Bereich der Umwelt- und Gesundheitspolitik gipfelten 1992 in der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro mit der Rio-Deklaration und dem Aktionsprogramm der Agenda 21 und in der Weltgesundheitserklärung von 1998 mit dem Aktionsprogramm Gesundheit 21. Diese beiden Leitprogramme sind internationaler politischer Konsens. Sie beschreiben pragmatische Ziele und global gültige Werte. Die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung ihres lokalen Gemeinwesens ist in beiden Programmen Inspirationsquelle und Antrieb für die Umsetzung der neuen gesellschaftspolitischen Vision.

Die europäischen Staaten verabschiedeten 1994 in Helsinki den "Aktionsplan Umwelt und Gesundheit für Europa (EHAPE)" und 1998 in Kopenhagen das Aktionsprogramm: "Gesundheit21 - Die Politik "Gesundheit für alle" für die Europäische Region der WHO- 21 Ziele für das 21. Jahrhundert". Diese beiden Dokumente konkretisieren für den europäischen Lebensraum die Agenda 21 und die Gesundheit 21 Politik:

"Gesundheit ist eine Voraussetzung für Wohlbefinden und Lebensqualität. Sie ist ein Maßstab zur Messung der Fortschritte hinsichtlich der Verringerung von Armut, der Förderung des sozialen Zusammenhalts und der Beseitigung von Diskriminierungen. Der Erfolg der Gesamtpolitik lässt sich deshalb an ihrem Einfluss auf die Gesundheit messen.
Gute Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Intersektorale Investitionen in Gesundheit erschließen nicht nur neue Ressourcen für die Gesundheit, sondern bringen auch größeren Nutzen, indem sie langfristig zur wirtschaftlichen und sozialen Gesamtentwicklung beitragen. Investitionen in ergebnisorientierte Gesundheitsversorgung verbessern die Gesundheit und zeigen, welche Ressourcen eingesetzt werden können, um den zunehmenden Anforderungen an den Gesundheitssektor zu entsprechen" (aus: Gesundheit21, EUR/RC48/9, 1998, S.1).

Gesundheit ist also nicht nur Objekt oder Ergebnis gesellschaftspolitischer Entscheidungen und Nebenwirkung des wirtschaftlichen Wachstums sondern auch Input- oder Produktivfaktor für wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolge, eine Ressource für Individuen, Gemeinschaften und die Gesellschaft insgesamt. Die gegenwärtige Verengung der gesundheitspolitischen Debatte von Staat und Wirtschaft auf die Kosten der Krankenversorgung und die Abgaben der lohnabhängig beschäftigten Arbeitnehmer ist in der Sache kontraproduktiv. Die Produktion von Gesundheit ist mit dem Konsum medizinischer Technologie und Dienstleistung nicht identisch und das Bruttosozialprodukt einer Gesellschaft ist auch kein Maßstab für ihre Gesundheit.

Eine Gesellschaft, die das verfügbare Geld ausschließlich in Gesundheitsdienste steckt und die Investitionen für gesundes Leben vernachlässigt, verschlechtert mit den steigenden Kosten für die Medizin gleichzeitig die gesundheitliche Lage der Bevölkerung.
Eine moderne Gesundheitspolitik achtet auf die Entwicklungsressourcen für individuelle und soziale Gesundheit und setzt radikal neue Prioritäten. Ihre Aufgabe ist es:

· vorrangig Gesundheit herzustellen und nicht nur Krankheit zu verwalten,
die Ressourcen so zu investieren, dass der größte gemeinschaftliche Gesundheitsnutzen erreicht wird,
die Ungleichheit der gesundheitlichen Chancen innerhalb der Gesellschaft systematisch zu verringern und
den Beitrag der individuellen und sozialen Gesundheit für die gesellschaftliche Entwicklung und die allgemeine Lebensqualität kontinuierlich zu steigern.

In der Informationsgesellschaft ist die biopsychosoziale Gesundheit der Menschen also nicht Abfallprodukt der Volkswirtschaft sondern Produktivfaktor wie Arbeit, Kapital oder Grund und Boden. Das Gesundheitswesen ist für das zukünftige Fortkommen der Gesellschaft so bedeutsam wie Straßen und Schienen für das Auto und die Eisenbahn oder die Datenübertragung für das Internet und die Telekommunikation.


9. Gesundheit 21: das aktuelle Leitprogramm der Weltgesundheitsorganisation für Europa

Die Gesundheit 21-Politik für die Europäische Region der WHO zielt darauf ab, dass alle Menschen das ihnen mögliche Gesundheitspotenzial voll entfalten können.
Die beiden pragmatischen Hauptziele lauten:

· Förderung und Schutz der Gesundheit der Bevölkerung während des gesamten Lebens.
Verringerung der Inzidenz (des Auftretens) der wichtigsten Krankheiten und Verletzungen und der damit verbundenen Leiden.

Die ethische Grundlage für die Gestaltung des Gesundheitswesens umfasst drei Grundwerte:

· Gesundheit ist ein fundamentales Menschenrecht.
Gesundheitliche Chancengleichheit und Solidarität müssen die Verhältnisse in der Gesundheitsversorgung bestimmen.
Partizipation und Rechenschaftspflicht des einzelnen Menschen und der beteiligten Gruppen, Institutionen, Organisationen und Sektoren sind verpflichtender Bestandteil des Handelns im Gesundheitswesen.

Um sicherzustellen, dass wissenschaftliche, wirtschaftliche, soziale und politische Nachhaltigkeit die Gesundheitsentwicklung und die Maßnahmen der Gesundheitsversorgung leitet, werden von der WHO vier Hauptstrategien als übergreifendes Prinzip vorgegeben:

· Nur ganzheitliche und berufsgruppenübergreifende (multisektorale) Ansätze und gesellschaftspolitische Querschnittsprogramme können die relevanten gesundheitlichen Aspekte integrieren und die physischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und geschlechtsspezifischen Einflüsse auf die Gesundheit verlässlich berücksichtigen oder in ihren Wirkungen angemessen bewerten.
Die Investitionen und Programme zur gesundheitlichen Entwicklung und zur klinischen Versorgung müssen sich am Gesundheitsresultat und am Ergebnis für die betroffenen Menschen ausrichten.
Die Basis des Gesundheitssystems ist eine integrierte, familien- und gemeindeorientierte primäre Versorgung, die durch ein flexibles, reaktionsfähiges Krankenhaussystem unterstützt wird.
Der Gesundheitsentwicklungsprozess muss partizipatorisch gestaltet sein, also die relevanten Partner (Familie, häusliche Situation, Schule, Arbeitsplatz, soziale Netze, regionale Gemeinden, kulturelle Gemeinschaften oder Länder) berücksichtigen und bei den Entscheidungen, der Umsetzung und der Rechenschaftslegung über die Gesundheitsversorgung muss ein gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten gefördert werden.

Die internationalen Programme sehen in der Gesundheitsförderung eine politische Plattform, auf der die Menschen Gemeinsamkeit und gegenseitige Solidarität erfahren können. Das Gesundheitssystem wird dadurch zum sozialen Bindemittel unabhängig von Staat und Markt. In einer Zeit wo die Globalisierung der Märkte das Individuum vereinzelt und die öffentliche Hand keine Wohltaten mehr spenden kann, soll das Thema Gesundheit die Potenziale der BürgerInnen- oder Zivilgesellschaft motivieren und neues Gemeinschaftsleben stiften.

Die europäische Region in der WHO besitzt inzwischen eine langjährige Erfahrung in der Konzeption, Umsetzung und Evaluation dieser innovativen Gesundheitspolitik.

· Die Förderung gesunder Lebensweisen,
die Gestaltung einer gesunden Umwelt und
die Durchsetzung einer qualitätsorientierten und kostenwirksamen Gesundheitsversorgung

sind seit 1999 mit insgesamt 21 Zielen konkretisiert. Zusätzlich sind Kriterien und Indikatoren erarbeitet worden, mit denen die Entwicklungsprozesse und ihre Ergebnisse gemessen und bewertet werden können. Die 21 Ziele werden im Kapitel II beschrieben und dienen als Gliederungsvorgabe für die Veränderungsziele des Gesundheitssystems in der Bundesrepublik Deutschland.

Die bestehenden und geplanten Aktionsprogramme der Europäischen Union zielen in die gleiche Richtung und arbeiten ebenfalls ziel- und ergebnisorientiert an einer neuen Gesundheitspolitik. Inzwischen gibt es in Europa eine breite soziale Bewegung für eine Erneuerung der gesundheitlichen Versorgungssysteme. Darin liegt eine epochale Chance, die auch in Deutschland genutzt werden sollte.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt allen Akteuren des deutschen Gesundheitswesens, diese internationalen Entwicklungsprozesse wahrzunehmen und in die Praxis umzusetzen. Es ist möglich, mit neuer Kompetenz

· die Qualität der Medizin zu verbessern,
eine produktive Gesundheitsberichterstattung umzusetzen,
die Kostenwirksamkeit der Versorgung zu optimieren,
neue Mittel und Ressourcen zu erschließen,
die Organisation und Finanzierung der Gesundheitsversorgung zu reformieren und
Medizin, Pflege, Psychosoziale Dienste oder Selbsthilfepotenziale zu einem kooperativen Handlungssystem zu vernetzen.

Die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger und eine Integrierte Medizin und eine Integrierte Gesundheitsversorgung sind also das Handlungsziel, mit dem in Deutschland "preiswerte Gesundheit für Alle" zu erreichen ist.

Die Nicht-Regierungs-Organisationen, Freien Träger und Selbsthilfegruppen bilden bereits heute eine Basis für regionale oder sektorale Netzwerke, die

· gesündere Familien,
gesündere Schulen,
gesündere Arbeitsstätten,
gesündere Nachbarschaften,
gesündere Gemeinden,
gesündere Städte,
gesündere Regionen oder
gesündere Länder

verwirklichen kann und damit individuelle und soziale Gesundheit miteinander verknüpft. Die Erfahrung, das Know-how und zahlreiche Instrumente zur Beeinflussung der Determinanten für Gesundheit sind vorhanden. Es geht jetzt darum, die neue Politik auch in Deutschland konsequent und beharrlich umzusetzen.

In diesem Sinne fordert das Gesundheitsparlament einen Ab- und Umbau der staatlichen Strukturen und neue gesetzlich geschützte Räume für die gesellschaftliche Kreativität und Selbstverantwortung von Nichtregierungsorganisationen.

Die von der WHO verabschiedeten 21 Ziele sind ein "roter Faden" an dem entlang die Neuorientierung und der Wandel des Gesundheitswesens diskutiert, konzeptionell geklärt und langfristig realisiert werden kann. Daher rufen wir alle Beteiligten auf, sich an diesem Prozess zu beteiligen und den vorliegenden Programmentwurf zu ergänzen, zu verbessern und für die Tagung des Gesundheitsparlamentes im Jahr 2001 konkret auszufüllen.

II. Eckpunkte und 21 Ziele für ein soziales Gesundheitswesen


10. Gesundheitliche Chancengleichheit durch solidarisches Handeln sichern

10. 1. Solidarität und Subsidiarität

Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind eindeutig:

· Armut nach Einkommen, sozioökonischem Status, Lebensbedingungen oder Ausbildungsstand sind die größten Risikofaktoren für Krankheit und kürzeres Leben.
Arbeitslosigkeit und Arbeitsplatzunsicherheit wirken sich nachteilig auf die Gesundheit aus.
Bildung ist die wichtigste Gesundheitsressource und das Bildungsniveau eines Menschen nimmt prägenden Einfluss auf seine Krankheiten und Lebenserwartung.
Männer sterben früher als Frauen, und Frauen leiden länger und schwerer an Krankheiten als Männer.
Ethnische Minderheiten, Immigranten und Flüchtlinge sind überproportional in ihrer Gesundheit gefährdet.
Körperlich und geistig behinderte Mitbürgerinnen und Mitbürger benötigen besondere Hilfen und Einrichtungen, damit sie sich am sozialen Leben beteiligen können.

Zwischenmenschliche Solidarität und soziale Gemeinschaften sind die zentrale Gesundheitsressource. Wenn das gesellschaftliche Bindegewebe unter Spannung steht, steigen Morbidität und Mortalität in der Bevölkerung deutlich an. Soziale Gesundheit und individuelles Wohlbefinden sind miteinander verknüpft. Das Gesundheitswesen mit seinen humanitären Werten und seiner gesellschaftlichen Funktion muss für die Informationsgesellschaft das notwendige soziale Bindegewebe bereitstellen.

Deshalb setzt sich das Gesundheitsparlament für eine Gesundheitspolitik ein, die soziale Ausgrenzung und Benachteiligung durch intensive, psychosoziale Dienste abbauen hilft. Das Gesundheitswesen ist für diese soziale Not primär Kontaktfläche und bevorzugter Kommunikationsraum. Projekte und Konzepte, die gesundheitliche und medizinische Betreuung mit psychosozialer Integrationshilfe und Selbstorganisation verknüpfen, sind unter den bestehenden Strukturen des Gesundheitssystems in der Regel genauso benachteiligt wie ihre Klienten. Eine Gesundheitspolitik, die gesellschaftliche Marginalisierung, Armut und sozialen Ausschluss (New Labour spricht von Exklusion) vermeiden will, muss die Chancengleichheit der Bürgerinnen und Bürger durch die bewusste Privilegierung inklusiver oder sozial integrierender Gesundheitsprojekte anstreben. Das Gesundheitssystem kann die soziale Ungleichheit nicht ungeschehen machen. Wenn es sie aber noch verstärkt, ist es nicht mehr sozial. Die Verteilung der Ressourcen im Gesundheitswesen sollte die Medizin und die gesundheitlichen Dienste
für die Armen,
für die Arbeitslosen
für die Obdachlosen,
für ethnische Minderheiten, Migranten und Flüchtlinge und
für die Behinderten
begünstigen. Das Gesundheitssystem ist der Ort, wo für diese Gruppen Chancengleichheit und Beteiligung praktisch wird.

Das soziale Gesundheitssystem muss daher kontinuierlich und systematisch

· soziale Ungleichheit zwischen den Menschen und zwischen Frauen und Männern abbauen,
Arbeitsmöglichkeiten für die Menschen ausbauen und
Mitbürgerinnen und Mitbürger mit körperlichen, seelischen oder sozialen Handicaps bevorzugt in das soziale Leben integrieren.

Eine solche Zielsetzung erfordert Gestaltungsfreiheit für lokale und kommunale Initiativen. Solidarität mit den wirklich Hilfsbedürftigen muss subsidiär und frei von zentralistischer Bürokratie oder Bevormundung durch Sozialversicherungsträger und Krankenkassen erfolgen können. Das Gesundheitsparlament rät daher zur Einrichtung regionaler, weitestgehend selbstverwalteter Fonds, die aus den verschiedenen Zuständigkeiten gespeist und aus denen integrierte Versorgungskonzepte finanziert werden können. Die Aufspaltung der Finanzierungsverantwortung desintegriert die Versorgungspraxis und verhindert mögliche Synergien, die zu einer nachhaltig ökonomischeren Problembewältigung beitragen würden. Subsidiäre Solidarität und ein vergleichender Markt der Projekte und Konzepte könnte Verwaltungskosten und Verhandlungszeit in die unmittelbare Versorgung der Betroffenen umschichten.


10. 2. Gesundheitliche Chancengleichheit

Die sozioökonomischen Unterschiede innerhalb der Bevölkerung sind der empfindlichste Indikator für die Bedrohung der individuellen wie sozialen Gesundheit. Das dadurch verursachte Gesundheitsgefälle kann das Gesundheitssystem nicht aufheben. Es ist aber Aufgabe und Pflicht eines sozialen Gesundheitswesen, die gesundheitliche Chancengleichheit als eigenständiges Handlungsziel zu sehen und in der Bevölkerung für eine aufgeklärte, sozioökonomische Ausgleichspolitik Verständnis zu wecken.

Die Gesundheitspolitik muss sich an ihren Auswirkungen auf die gesundheitliche Chancengleichheit messen lassen und die entsprechenden Risikofaktoren und Ursachen für die unterschiedlichen Gesundheitschancen benennen, öffentlich sichtbar machen und bekämpfen. Zur Unterstützung von Bevölkerungsgruppen oder Menschen mit ungünstiger Gesundheitslage werden aktivierende, aufsuchende Dienste mit ganzheitlichen Konzepten gebraucht. Eine integrierte Medizin und eine integrierte Versorgung für die Gesundheitsprobleme von sozial diskriminierten oder gehandicapten Menschen benötigen neue kommunale, öffentliche wie freigemeinnützige Netzwerke.

Die vorhandenen Modellprojekte und Initiativen der Obdachlosenhilfe, einer Medizin für Arbeitslose, arme Kinder, Flüchtlinge oder einsame Alte führen im bestehenden Gesundheitswesen ein Schattendasein. Das Gesundheitsparlament empfiehlt daher,
eine aufsuchende und integrierte Sozial- und Gesundheitsversorgung zu stärken
niedrigschwellige Angebote auszubauen,
neue mobile und interdisziplinäre Hilfen einzurichten und
die Selbsthilfeinitiativen der Betroffenen wirksam zu unterstützen.

Das Gesundheitswesen in Deutschland ist der gesellschaftliche Raum, in dem benachteiligte Menschen am stärksten erfahren, ob sie beteiligt werden, eine eigene Würde besitzen und auf Mitmenschlichkeit bauen können. Das soziale Gesundheitssystem ist auch die wichtigste Schule einer mitmenschlichen Gesellschaft.


11. Bessere Gesundheit für die Menschen in Deutschland

11.1. Gesundheit und Lebenslauf

Kritische Übergangsphasen und besondere Ereignisse im menschlichen Leben wirken sich auf die Gesundheit der Menschen aus. Ein modernes Gesundheitssystem vertritt mit seinen Hilfen und Diensten daher einen lebensbegleitenden Ansatz und versucht möglichst frühzeitig die Gesundheitspotenziale des einzelnen zu stärken. Einschneidende Stationen und Veränderungen des individuellen Lebens wie
die Geburt,
Lebenskrisen der Eltern,
Ortswechsel,
Eintritt in Kindergarten und Schule,
Pubertät,
Beginn von Studium oder Berufsausbildung,
Familiengründung,
Unsicherheiten, Wechsel oder Verlust der Arbeit,
Unfälle oder der Beginn einer chronischen Krankheit,
Übertritt in das Rentenalter oder
Verlust von Partnern und nahen Beziehungspersonen
gehen oft mit gesundheitlichen Sorgen oder Beschwerden einher, die in einem sozial integrierenden Gesundheitssystem Ansatzpunkte für eine ganzheitliche Unterstützung und die gesundheitsförderliche Veränderung des individuellen Verhaltens bieten. Dies erfordert eine Medizin, die zusätzlich zur Diagnose und Behandlung von Krankheiten auch die Entwicklung der Gesundheit anstrebt und die emotionalen, seelischen und sozialen Anteile des Gesund sein oder Krank werden versteht.

Die meisten Zivilisationskrankheiten entwickeln sich über einen langen Zeitraum und hängen eng mit den individuellen Lebensweisen zusammen. Investitionen in die Gesundheitsbildung und in die Gesundheitsförderung zahlen sich aus und sind nachhaltig wirksamer als eine Reparaturmedizin, die erst aktiv wird, wenn der Schaden eingetreten ist. Das individuelle Case-Management muss daher den Lebensverlauf als Orientierung nutzen und die Strukturen des Gesundheitssystems so gestalten, dass die Kontinuität der Betreuung gewährleistet ist. Die Grundlagen der physischen und der psychischen Gesundheit werden in den frühen Phasen des Lebens gelegt.

11.2. Ein gesunder Lebensanfang

Ein soziales Gesundheitssystem muss Kindern mit höchster Priorität einen gesunden Lebensanfang ermöglichen. Die Geburt und die Zeit bis zum Schulanfang entscheiden grundlegend über

· die körperliche Entwicklung,
die psychosoziale Autonomie,
die sozialen und gesundheitlichen Wertvorstellungen,
das Verhältnis zur Umwelt und
das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Beziehungen zu anderen Menschen und die sozialen Bezüge insgesamt.

Eine gesunde Geburt bildet die Grundlage für ein gesundes Leben, und die Investitionen in die Jugendgesundheit sind ein zentraler Maßstab für das Gesundheitsinteresse der Gesellschaft insgesamt.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt, die WHO-Kriterien und -Leitlinien der "Initiative Babyfreundliches Krankenhaus" und zur "Integrierten Betreuung des kranken Kindes" zu übernehmen und neue, wirksamere Dienste auf lokaler Ebene umzusetzen. Der Internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten wird auch in Deutschland nicht eingehalten. In allen relevanten Gesundheitseinrichtungen muss einer sanften Geburtshilfe und einer natürlichen, möglichst wenig medikalisierten Betreuung von Müttern und kleinen Kindern Priorität zugemessen werden.

11.3. Gesundheit junger Menschen

"Menschen bleiben gesund, wenn sie zuversichtlich sind, dass sie mit ihrem Leben zurecht kommen und dass ihr Leben einen Sinn hat und wenn sie über entsprechende Mittel verfügen, um alle an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Von Kindheit an muss sich ein Gefühl des Zusammenhalts und der Zugehörigkeit entwickeln; Erfahrungen in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und im Rahmen der Gesundheitsversorgung spielen dabei eine wichtige Rolle: Sie vermitteln jungen Menschen durchgehend die gleiche Botschaft und stellen sicher, dass sie sich die Mittel und Problembewältungskompetenzen aneignen, die sie für ihr Leben benötigen." (EUR/RC 48/10, S.27)

Das Gesundheitsparlament empfiehlt, die Erfahrungen aus dem Programm gesundheitsförderlicher Kindergärten zu nutzen und die erprobten Bildungskonzepte flächendeckend einzuführen.

"Die Schulen bilden einen wichtigen Rahmen, in dem Gesundheit geschaffen und aufrecht- erhalten werden kann. Mit Hilfe von formalen Lehrplaninhalten lässt sich die Einstellung junger Menschen zur Gesundheit deutlich verbessern. Das schulische Umfeld bietet sich für die Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der Gesundheit förmlich an.
Im weiteren Sinne beeinflusst die Schule aber nicht nur die Wahrnehmung sowie die Denk-, Handlungs- und Verhaltensweisen der Schüler, sondern auch die der Lehrer, Eltern, Gesund-heitsfachkräfte und der örtlichen Bevölkerung. Alle Bereiche des organisierten Lebens tragen zur körperlich, sozialen und seelischen Gesundheit des Menschen bei. Außerdem lernen junge Menschen am besten, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen, wenn sie unmittelbar an Entscheidungsprozessen beteiligt werden." (EUR/RC 48/10, S.27)

Das Gesundheitsparlament empfiehlt, das Konzept "Gesundheitsfördernde Schule", das Seine positive Wirkung in den durchgeführten Modellprojekten bewiesen hat, in allen deutschen Schulen einzuführen und entsprechende Programme auch in der Erwachsenenbildung und an Berufsschulen und Hochschulen zu realisieren. Die Institutionalisierung einer Lehr- und Lernpraxis der Gesundheitsbildung ist ebenso wichtig wie Matthematik oder Sprachen.

11.4. Gesundheit von Erwachsenen

"Zur Zeit wird kurzfristigen wirtschaftlichen Überlegungen viel mehr Bedeutung beigemessen als langfristigen Investitionen in Arbeitskräfte, durch die Menschen im erwerbsfähigen Alter in die Lage versetzt werden, eine gesellschaftlich produktive Rolle zu spielen. Ein hohes Maß
an Arbeitsplatzunsicherheit mag zwar kurzfristig wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen, aber langfristig führt dies zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands der Erwerbstätigen und derjenigen, die für sie sorgen, so dass sich letztendlich der Druck auf das Gesundheitswesen verstärkt." (EUR/RC 48/10, S.29)

Ebenso wie das Konzept "Gesundheitsfördernde Schulen" sollten die Konzepte für einen "Gesunden Betrieb" mit breiten Kampagnen und öffentlicher Unterstützung flächendeckend eingeführt werden.

Die Gesundheit von Menschen wird gestärkt, wenn sie in Bildungsprozessen und auch bei Kontakten mit dem Gesundheitssystem eine Stärkung ihrer
Selbsterfahrung,
Selbstwertschätzung
Selbststeuerungsfähigkeit,
sozialen und kommunikativen Kompetenz und
Konfliktbewältigungs- oder Entspannungsmöglichkeiten
erleben und ihr Selbstvertrauen und Wissen gesteigert wird. Die Gesundheitsförderung umfasst vielfältige Maßnahmen, die individuelles und kollektives Gesundheitsverhalten im Kontext der Lebensverhältnisse ändern und neue Bedingungen durchsetzen helfen. Der Setting-Ansatz achtet auf die Rahmenbedingungen, unter denen Menschen leben, lernen, arbeiten, Beziehungen knüpfen und ihr Zuhause gestalten. Ein soziales Gesundheitssystem richtet seine Interventionen nicht nur auf individuelle Krankheiten und individuelle Risiken aus. Es muss auch die sozialen Systeme, die gemeinsamen Organisationen und Netzwerke sehen und entwickeln wollen. Ein solcher neuer Blick auf die Probleme erfordert eine Kooperation von Selbsthilfegruppen, NGOs, medizinischen oder sozialen Diensten und öffentlicher Einrichtungen, die nur im regionalen oder lokalen Umfeld erfolgreich umgesetzt werden kann.

Das Gesundheitsparlament weist darauf hin, dass eine Gesundheitsmedizin und Gesundheitsbildung dieser Art die soziokulturellen Bedingungen von einzelnen Bevölkerungsgruppen und vor allem auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen berücksichtigen müssen.
11.5. Altern in Gesundheit

"Die Gesundheitspolitik sollte die Menschen darauf vorbereiten, - durch systematisch geplante Gesundheitsförderung und Gesundheitsvorsorge während der gesamten Lebensspanne - bis ins Alter gesund zu bleiben. Soziale Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten können zusammen mit körperlicher Betätigung die Gesundheit, das Selbstwertgefühl und die Unabhängigkeit älterer Menschen sowie ihren aktiven Beitrag zum Gesellschaftsleben erhöhen.
Innovative Programme zur Bewahrung der Körperkraft und zur Korrektur von Seh- und Hörschäden sowie Bewegungseinschränkungen bevor diese zur Abhängigkeit führen, sind ein besonders wichtiger Aspekt. Gesundheits- und Sozialdienste auf Gemeindeebene sollten häusliche Dienste zur Unterstützung alter Menschen im Alltagsleben sicherstellen und die Erfordernisse und Wünsche alter Menschen in Bezug auf Wohnunterkunft, Einkommen und andere Faktoren, die ihre Autonomie und soziale Produktivität verbessern, sollten stärker berücksichtigt werden." (EUR/RC 48/9, S.8)

Altern ist ein natürlicher physiologischer Prozess und keine Krankheit. Viele ältere Menschen bleiben bis kurz vor ihrem Lebensende aktiv, selbstständig und lebenstüchtig. Die Medikalisierung der Altersprobleme ist typisch für ein Versorgungssystem, das die psychosozialen Aspekte vernachlässigt und die Autonomie von alten Menschen beschädigt.
Zahlreiche Projekte einer Altenhilfe, die soziale Beteiligung umsetzen, Selbsthilfeaktivitäten unterstützen und Lebenssinn vermitteln, zeigen, dass der kranke und medizinisch aufwändig zu versorgende alte Mensch nicht den Realitäten entspricht.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt den Sozialversicherungsträgern, der Gesundheitspolitik und auch den medizinischen oder pflegerischen Einrichtungen, die sozial- und gesundheitswisenschaftlichen Erkenntnisse aufzunehmen und integrierte, bio-psycho-soziale Versorgungskonzepte bevorzugt zu fördern.

11.6. In Würde sterben

Das Gesundheitsparlament unterstützt die Pionierleistungen der Hospiz Projekte und der Palliativmedizin sowie alle Versuche, im Gesundheitssystem, einen würdigen und mit den betroffenen Menschen vereinbarten Umgang mit den Fragen von Tod und Sterben umzusetzen.

"Alle Menschen sollten das Recht haben, so würdevoll wie möglich und unter Achtung ihrer kulturellen Werte sterben zu können." Dies lässt sich dann gewährleisten, "wenn sie weitestgehend selbst über den Ort entscheiden, an dem sie sterben möchten, im Kreise von Menschen ihrer Wahl und - so weit möglich - ohne Schmerzen oder Qualen. Bei Entscheidungen über den Tod eines Menschen sollten die Wünsche des Betroffenen im Mittelpunkt stehen." ((EUR/RC 48/10, S.36)


12. Prävention und Bekämpfung von Krankheiten und Verletzungen

12.1. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten durch schlechte Gesundheit

Drei Viertel der fühzeitigen Sterbefälle in Deutschland werden durch vier Todesursachen ausgelöst. Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebserkrankungen, Krankheiten der Atmungsorgane und Unfälle im mittleren oder jüngeren Alter. Chronische Krankheiten wie degenerative oder entzündliche Muskel- und Skelettkrankheiten, psychische Leiden und Suchtprobleme nehmen zu.
Eine von der Weltbank unter Mitwirkung der WHO durchgeführte Studie prognostiziert zehn wichtigste Ursachen für krankheitsbedingte gesellschaftliche Kosten:

1. Ischämische Herzkrankheit
2. Depression
3. Zerebrovaskuläre Krankheiten
4. Straßenverkehrsunfälle
5. Alkoholkonsum
6. Osteoarthritis
7. Bösartige Neubildungen der Trachea, der Bronchien und der Lunge
8. Demenz und sonstige degenerative ZNS-Störungen
9. Vorsätzliche Selbstbeschädigung und
10. Angeborene Fehlbildungen

Aus epidemiologischer und damit gesundheitspolitisch relevanter Sicht sind diese Krankheiten durch ein primär individualmedizinisch und kurativ ausgerichtetes Versorgungssystem erst spät und relativ nicht besonders wirksam zu beeinflussen. Die größte Produktionsreserve zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland sind daher eine ausgebaute Prävention und eine ganzheitliche Betreuung für chronisch kranke und seelisch leidende Mitbürgerinnen und Mitbürger. Beide Entwicklungsaufgaben werden durch ein institutionalisiertes System der Gesundheitsförderung am besten unterstützt.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt daher der Gesundheitspolitik und den Solidargemeinschaften eine grundlegend veränderte Prioritätensetzung für den Mitteleinsatz der Gesetzlichen Krankenversicherung und der öffentlichen Hand: Integrierte Projekte der Gesundheitsförderung und der Hilfe für chronisch Kranke sind gegenüber der kurativen Akutmedizin benachteiligt und werden in ihrer Bedeutung für die betroffenen Menschen stark unterschätzt. Gesundheitsförderung, Krankheitsverhütung, medizinische Behandlung, Betreuung und Rehabilitation müssen gleichrangige Felder der Gesundheitspolitik werden.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen und Funktionseinbußen, die über das normale Maß der Alterung hinausgehen, sollten so weit wie praktisch möglich und ethisch zulässig verhütet werden. Im Falle ihres Eintretens sollten sie nicht nur physisch und psychisch bekämpft, sondern auch subjektiv individuell im Sinne möglichst hoher Autonomie und Lebensqualität verarbeitet (bewältigt) werden können.

Unter den Gesichtspunkten von Effektivität und Effizienz muss die Gesundheitspolitik die gleichen Regeln beachten, die auch für die kurative Medizin und für therapeutische Interventionen am Individuum vernünftig sind: In die Beurteilung sollten die Gesamtheit der erwünschten und unerwünschten Wirkungen einbezogen werden. Die erwünschten Wirkungen müssen gegenüber den unerwünschten Wirkungen überwiegen und insgesamt kostenwirksam sein. Wie für die Medizin gelten auch für die Gesundheitspolitik darüber hinaus die Grundsätze der Selbstbestimmung des Individuums und des Schutzes der Schwachen sowie die Bevorzugung von Selbststeuerung gegenüber Fremdsteuerung.

Zur Prävention und Bewältigung von Krankheiten in der Bundesrepublik Deutschland stellt das Gesundheitsparlament in Übereinstimmung mit der Public-Health-Wissenschaft fest (Rosenbrock, 1998, S.21):

· Die bisherige Gesundheitspolitik agiert weder zentral noch dezentral auf der Basis hinreichender und für die Entscheidungen wichtiger Informationen über die Verteilung von Gesundheitsrisiken (Belastungen und Ressourcen), Erkrankungen, Todesfällen, präventiven und kurativen Leistungen sowie ihre gesundheitlichen Wirkungen. Die in den letzten Jahren verstärkten Bemühungen haben bislang keine systematische Gesundheitsberichterstattung und keinen Konsens über Gesundheitsziele hervorgebracht.

· Auf dem Gebiet der Primärprävention geschieht insgesamt zu wenig, es dominieren wenig effektive Versuche der Verhaltensbeeinflussung. Das Konzept risiko-unspezifischer Gesundheitsförderung befindet sich im Experimentalstadium. Die sozial bedingte Ungleichheit vor Krankheit und Tod persisitiert. Sie ist nicht allein durch ökonomisch undiskriminierten Zugang zu Leistungen der Krankenversorgung, sondern in erster Linie durch Primärprävention zu verringern.

· In bevölkerungsweiten Programmen der Früherkennung zur Vorverlegung des Behandlungszeitpunkts (Screening, Sekundärprävention) nimmt die Bundesrepublik weltweit einen Spitzenplatz ein. Ein bedeutender gesundheitlicher Nutzen dieser Sonderentwicklung ist weder epidemiologisch plausibel noch durch Evaluationen nachgewiesen.

· Das Kankenversorgungssystem funktioniert arztzentriert. Gemessen an konventionellen medizinischen Maßstäben ist die Versorgung im internationalen Vergleich gut, allerdings viel zu schwach mit pflegerischen und sozialarbeiterischen Leistungen verknüpft. Strukturelle und materielle Anreizsysteme wirken als steter Antrieb zur Vermehrung medizinischer und technischer Leistungen. Die am Paradigma der Akutversorgung orientierte Versorgung wird dem veränderten Krankheitsspektrum (mehrheitlich chronisch kranke Patienten, zunehmend alte Patienten) immer weniger gerecht und tendiert zur Medikalisierung medizinisch-kurativ nicht sinnvoll zu behandelnder Sozialprobleme. Etablierte Interessen festigen die institutionelle Desintegration und behindern die Entwicklung von Selbsthilfepotenzialen, psychosozialer Betreuung und Pflege.

· Die Finanzierung und Steuerung der Krankenversorgung erfolgt überwiegend durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Nach einem vor allem durch Medizintechnik und Modernisierung bewirkten Wachstumsschub bis Mitte der siebziger Jahre liegt der Kostenauftrieb - bei hohem Ausgangsniveau - im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Dieser relative Erfolg verdankt sich einem wechselhaften Steuerungsmix aus Leistungskürzungen, Selbstbeteiligungen, öffentlichem moralischen Druck auf Versicherte und Leistungsanbieter, Honorar- und Verteilungspolitik. Die Steuerungsmöglichkeiten der Kassen für laufende Kosten und Innovationen sind durch Gesetz und Rechtsprechung eng begrenzt. Strukturelle Steuerungseingriffe liegen durchweg außerhalb ihrer Möglichkeiten. Die in den 90er Jahren gesetzlich induzierte Wettbewerbsorientierung und Desolidarisierung der Kassen gefährdet die Kernsubstanz des GKV-Systems.

· Das gesundheits- und sozialpolitische Umfeld wird seit etwa Mitte der siebziger Jahre von Leistungsabbau, Desolidarisierung und - komplementär - dem Vordringen von Wettbewerbs- und Marktideologien bestimmt. Bis auf Kriseninterventionen (z.B. Aids) sind innovative und den gesundheitlichen Problemlagen angemessenen Initiativen selten. Die staatliche Vereinigung Deutschlands wurde im Bereich der Gesundheitsversorgung als Ausdehnung der in den alten Bundesländern gewachsenen Strukturen vollzogen. In der DDR gewachsene Institutionen, Honorierungs- und Versorgungsformen (Ambulatorien, Polikliniken, Dispensaire, betriebszentriertes Gesundheitswesen) gingen ohne nähere Prüfung ihrer potenziellen Leistungsfähigkeit mit wenigen Ausnahmen unter.

Das Gesundheitsparlament empfiehlt eine neue Prioritätensetzung und ein Leitbildwechsel der bundesdeutschen Gesundheitspolitik im Sinne der WHO-Strategien. Reformaktionismus der bisherigen Art löst die Probleme nicht. Erfolgversprechend ist nur ein grundlegend neuer Weg.


12.2. Verbesserung der psychischen Gesundheit

"Die Verbesserung der psychischen Gesundheit setzt voraus, dass der Förderung und dem Schutz der psychischen Gesundheit während der gesamten Lebensspanne, vor allem in den sozial und wirtschaftlich benachteiligten Gruppen, Aufmerksamkeit gewidmet wird. Gut konzipierte Gesundheitsprogramme für das Lebens- und Arbeitsumfeld können in der Bevölkerung ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln, zum Aufbau und zur Erhaltung gegenseitig stützender sozialer Beziehungen beitragen und helfen, mit belastenden Situationen und einschneidenden Ereignissen im Leben fertigzuwerden." (EUR/RC 48/9, S.9)

Die psychosoziale Betreuung und die Psychotherapie sind in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht problemgerecht ausgebaut. Die positiven Erfahrungen aus integrierten Versorgungsprojekten erhalten im System zu wenig Anerkennung und strukturelle Förderung. Das Gesundheitsparlament empfiehlt die Ausarbeitung eines Aktionsplanes zur seelischen Gesundheit, mit dem die bisherige Unter- und Fehlversorgung transparent würde und eine nachhaltige Verbesserung der Situation erreicht werden soll.

"Stress am Arbeitsplatz ist ein wichtiger Faktor im Bezug auf die großen gesundheitlichen Unterschiede, krankheitsbedingten Fehlzeiten und vorzeitigen Todesfälle im Zusammenhang mit dem Sozialstatus. Bessere Arbeitsbedingungen werden dazu führen, dass die Mitarbeiter gesünder sind, was wiederum die Produktivität erhöht. Arbeitslosigkeit ist eine ernste Bedrohung für die psychische und physische Gesundheit. Da eine unbefriedigende Tätigkeit oder ein unsicherer Arbeitsplatz ebenso schädlich wie Arbeitslosigkeit sein können, genügt es für die Erhaltung der physischen oder psychischen Gesundheit nicht allein, einen Arbeitsplatz zu haben, sondern die Qualität der Arbeit ist ebenso wichtig." (EUR/RC 48/9, S.9)

Die Arbeitswelt ist ein gesundheitspolitisch stark defizitäres Feld der Primärprävention. Über 30 Millionen Jugendliche und Erwachsene verbringen in Deutschland den größeren Teil ihres wachen Tages mit abhängiger Arbeit. Die Arbeitsbedingungen beinhalten nicht nur Gesundheitsbelastungen, sondern prägen auch mit Verhaltensanreizen und Sanktionen das Bewältigungshandeln. Ähnlich wie in anderen institutionalisierten Lebenszusammenhängen (Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Militär etc.) werden die organisatorisch günstigen Voraussetzungen für Prävention und Gesundheitsförderung nicht hinreichend genutzt.

Zu dem hohen und resistenten Sockel klassischer Arbeitsbelastungen (schwere, monotone Arbeit; geringe Dispositionsspielräume; Zwangshaltungen; hoher Zeitdruck, Schichtarbeit; Lärm) treten neue, vor allem psychophysische und psychomentale Belastungen, u.a. im Zuge der flächendeckenden Einführung der Mikroelektronik auf. Diese führen in der Regel nicht zu den faktisch nur bei erwiesener (Mono-)Kausalität anerkannten (und wie Unfälle von der berufsgenossenschaftlichen Gesetzlichen Unfallversicherung (GUV) betreuten und entschädigten) Berufskrankheiten, sondern zu einer nach vielen Millionen zu schätzenden Anzahl von arbeitsbedingten Erkrankungen.


12.3. Verringerung übertragbarer Krankheiten

"Die Verringerung übertragbarer Krankheiten erfordert einen integrierten Ansatz, der Gesund-heitförderung, Krankheitsprävention und Patientenbehandlung miteinander kombiniert." (EUR/RC 48/9, S.9)

Die zunächst in Ausmaß und Verteilung nicht einschätzbare Gesundheitsgefahr durch die sexuell sowie durch Blutkontakte übertragbare HIV-Infektion (Aids) stellte in den achtziger Jahren auch die Gesundheitspolitik in der Bundesrepublik vor eine besondere Herausforderungen. In einem für Deutschland ungewöhnlich heftig ausgetragenen gesundheitspolitischen Grundsatzstreit ging es zunächst um die Frage, ob der Verbreitungsgefahr durch die Suche bzw. Fahndung nach individuellen Infektionsquellen (klassisches seuchenpolizeiliches Konzept der Gefahrenabwehr) oder durch Strategien der kollektiven Aufklärung und Verhaltensbeeinflussung (Lernstrategie; modernes präventionspolitisches Konzept der Gefahrenvorsorge) zu begegnen sei. Mit der weitgehenden Durchsetzung der gesellschaftlichen Lernstrategie kam ein für Deutschland in mehrfacher Hinsicht innovatives Konzept gemeindeorientierter (im Sinne von gruppenbezogener) Prävention zum Tragen. Die staatliche Förderung von Aids-Hilfen (Selbsthilfeorganisationen von schwulen Männern und i.v. Drogenbenutzern als massiv betroffenen Gruppen) und zielgruppenspezifischen Aids-Projekten stellt eine Anwendung des Selbsthilfekonzepts auf die Primärprävention dar. Evaluationen zeigen, dass sich in den Hauptbetroffenengruppen überwiegend präventives Verhalten durchgesetzt hat. Die im Umgang mit Aids gewonnenen Erfahrungen nichtmedizinischer, lebensweisenbezogener und verhältnisgestützter Verhaltensprävention haben auf konzeptioneller und institutioneller Ebene wichtige Anregungen auch für die Gestaltung anderer Felder gemeindebezogener Prävention erbracht.

Das Gesundheitsparlament sieht in der erfolgreichen Arbeit der Aids-Selbsthilfe und in den vernetzten Betreuungsstrukturen durch Schwerpunktpraxen, Pflegedienste und spezialisierte Krankenhäuser ein grundlegendes Modell für den Umgang mit Krankheiten und Gesundheitsstörungen.


12.4. Verringerung nicht-übertragbarer Krankheiten

"Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebserkrankungen, Diabetes, chronisch obstruktive Lungen-krankheiten, Asthma usw. zusammengenommen bilden das größte Gesundheitsproblem in der Region. Dieses Problem könnte größtenteils bewältigt werden, wenn alle Länder - sowohl auf Länderebene als auch in örtlichen Gemeinden - ein integriertes Programm zur Reduzierung der häufigsten Risikofaktoren für viele dieser Krankheiten realisieren würden. Zu diesen Risikofaktoren gehören Rauchen, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, hoher Alkoholkonsum, Stress (und damit verbundene Faktoren wie Bluthochdruck und Übergewicht).
Mit dem "CINDI"-Ansatz, (...) verfügt die europäische Region über einen großen Erfahrungsschatz bei der Durchführung derartiger integrierter Programme." (EUR/RC 48/9, S.10)

Das Wissen und die Methodik zur Verhütung eines großen Teils der heute vorherrschenden Krankheiten ist vorhanden. Die gesundheitspolitischen Prioritäten werden aber falsch gesetzt. Unter den insgesamt eher geringen Aktivitäten der Primärprävention dominieren die Versuche der individuellen Verhaltensbeeinflussung (Rosenbrock, 1998, S. 39ff).

Dies kann mit empirischer Evidenz für höhere Effektivität und Effizienz dieses Ansatzes nicht begründet werden: ertragreichere Versuche der Verhaltensbeeinflussung über den 'produktiven Umweg' der Lebensweise bleiben auch dort die Ausnahmen, wo hohe Evidenz für erzielbare gesundheitliche Wirkung vorliegt; auch erfolgreiche Ansätze der Verhältnisprävention (z.B. in der betrieblichen Gesundheitsförderung) setzen sich nur sehr langsam durch.

Falsche Prioritätensetzung und Versorgungsdefizite

Dieses gesundheitspolitische Vollzugsdefizit findet seine Gründe weniger in fehlendem Wissen sondern eher in risiko- und umfeldspezifischen Thematisierungsbedingungen sowie in den jeweiligen Akteur- und Interessenstrukturen. Für die bestehenden Defizite lassen sich insgesamt fünf übergreifende Gründe identifizieren.:

· Entgegen der von nahezu allen gesundheitspolitischen Akteure zunehmend gepflegten Präventions- und Erfolgsrhetorik befindet sich der Handlungstyp der systematisch fundierten und zum Teil unspezifischen Risikosenkung mit den Medien der Politik erst am Anfang seiner Entwicklung. Es mangelt infolgedessen an Erfahrungen über neue Politikformen vor allem auf lokaler und regionaler Ebene, die die starre Grenze zwischen Staat und Nicht-Staat durch nicht-paternalistische und nicht-bürokratische Formen der Aktivierung, des Dialogs und der Interaktion mit Betroffenen und Bürgerbewegungen überwinden bzw. überformen. Arbeitsteilung und Kompetenzbereiche zwischen den beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen (einschließlich Public Health) und Institutionen sind unklar und oft noch umstritten. Außerdem fehlt es fast durchgängig an ausreichendem Selbstbewusstsein zu wirklich innovativen, notwendigerweise immer auch experimentellen Projekten der Prävention.

· In Entscheidungen staatlicher und betrieblicher Politik dominieren ökonomische Gesichtspunkte weithin über das gesundheitliche Argument. Gesundheitsgerechte Gestaltung von Arbeitsplätzen, Reduktion von Umweltbelastungen, komplexe Gesundheitskampagnen mit Lebensweisebezug etc. kosten Geld. Ihr Nutzen ist dagegen oft nicht in Geld auszudrücken, oder er liegt außerhalb des Interessenbereichs der Akteure bzw. der Verursacher und jenseits der meist kurzfristigen Planungshorizonte. Die Geschichte der Prävention zeigt, dass die wichtigsten Erfolge durch soziale Bewegungen induziert wurden, die sich gegen die einseitige Durchsetzung wirtschaftlicher Interesse richteten.

· Ökonomische Gründe begrenzen aber nicht nur das "wie viel", sondern auch das "was" der Prävention. Kommerziell betriebene Prävention und Gesundheitsförderung richtet sich in einer Marktwirtschaft anreizgerecht nach der mobilisierbaren kaufkräftigen Nachfrage, die - v.a. unter dem Gesichtspunkt sozial bedingt ungleicher Gesundheitschancen - kein geeigenetes Steuerungsinstrument für Prävention ist. So wurden durch die Ökologie- und Gesundheitsbewegungen Gesundheitsbedürfnisse und -ansprüche vor allem in den Mittelschichten thematisiert bzw. geweckt. Diese finden mittlerweile ein rasch expandierendes Angebot an 'social marketing', Dienstleistungen und Waren "für die Gesundheit" und "für die Umwelt". Die Umformung gesellschaftlicher Probleme in individuell durch Kauf von Waren und Dienstleistungen zu befriedigende Bedürfnisse nimmt dem sozialen Impuls von Prävention und Gesundheitsförderung einen großen Teil seiner Wirksamkeit.

· Ein weiterer Teil dieser sozialen Schubkraft wird durch die Definitionsmacht und die Aktivitäten der individuell kurativ orientierten klinischen Medizin absorbiert. Da individuelle Prävention als weithin kassenärztliches Leistungsfeld angesehen wird, dominieren in der Prävention Sichtweise und Leistungen des Kassenarztes. Neben der gegenüber anderen Trägern deutlich privilegiert geförderten ärztlichen Beratung handelt es sich dabei vor allem um Früherkennungsuntersuchungen zur Vorverlagerung der individuellen medizinischen Therapie (Sekundärprävention). Die in der Öffentlichkeit nur langsam nachlassende Identifikation von 'Gesundheitspflege' mit 'Medizin' führt häufig zu einer Umthematisierung von Problemen der Primärprävention zu solchen der Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen. Ähnlich wie die Ökonomisierung bestärkt die Medikalisierung der Prävention die Tendenz, gesellschaftliche Probleme in solche der individuellen Inanspruchnahme umzudefinieren und damit die zu Grunde liegenden Probleme unbearbeitet zu lassen.

· Da unter diesen Rahmenbedingungen die Tendenz zur politischen Untergewichtung der Primärprävention und zur relativen Übergewichtung der Verhaltensmodifikation und des Konsums sich von selbst eher verstärkt, wäre eine Erweiterung präventionspolitischer Handlungsräume am ehesten von einer staatlich getragenen gegentendenziellen Politik zu erwarten. Davon kann kaum die Rede sein. Der sozialpolitische Kontext der Gesundheitspolitik ist seit über einem Jahrzehnt zunehmend durch die Individualisierung von Risiken, wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Chancenungleichheiten sowie durch den Rückzug des Staates aus potenziell konflikt- oder kostenträchtigen Feldern gekennzeichnet.
Wirksame Impulse gegen den eher negativen Trend zeigen sich vor allem in einzelnen Bereichen der Arbeitswelt, in lokalen Koalitionen zwischen experimentierfreudigen Teilen der Gesundheitsadministration (in Staat und Sozialversicherungen) mit Bürgerbewegungen und engagierten Professionals aus Medizin und Sozialwissenschaften sowie im qualitativen und quantitativen Wachsen gesundheitswissenschaftlicher Qualifikation (Public Health).

Fragwürdige medizinische Vorsorgemaßnahmen

Auf gesundheitspolitisch wesentlich bessere Entwicklungsbedingungen als die Primärprävention trifft in der Bundesrepublik die kassenarztgetragene Früherkennung zur Vorverlagerung des Zeitpunkts individualmedizinischer Intervention (medizinische Prävention; Sekundärprävention). Das Konzept geht von der auch der sozialen Primärprävention zu Grunde liegenden Erkenntnis aus, dass die Gefahr der Entwicklung vor allem chronischer und dann meist nicht mehr heilbarer Erkrankungen sich oft lange vor dem Auftreten wahrnehmbarer Symptome ankündigt, in Form von Belastungserleben, Befindensstörungen, gesundheitlichem Risikoverhalten oder medizinischen Befunden ohne Symptomatik. Beide Ansätze erwarten von der Intervention vor der Manifestation bessere Ergebnisse als von der Krankheitsbehandlung. Beide Interventionstypen zielen also auf die Minderung der Eintrittwahrscheinlichkeit medizinisch meist nicht reversibler Erkrankungsverläufe. Präventive Individualmedizin und soziale Primärprävention ziehen aus diesem Konzept unterschiedliche Schlussfolgerungen. Daraus ergeben sich unterschiedliche, teils komplementäre, teils konkurrierende Antworten auf zwei zu Grunde liegende, die Wahrnehmungen und das Handeln strukturierende Leitfragen:

Die Leitfrage aus dem Blickwinkel der individuell-kurativen Medizin lautet: Wie erkennen wir möglichst früh, dass ein Mensch erkrankt? Was können wir dann dafür tun, um den Krankheitsprozess zu verlangsamen, zu stoppen oder gar umzukehren?
Die Gegenfrage aus dem Gesichtswinkel der epidemiologisch orientierten sozialen Prävention lautet: Unter welchen Bedingungen bleiben Menschen gesund bzw. geht die Inzidenz wichtiger Krankheiten zurück? Was können wir tun, um diese Bedingungen für so viele Menschen wie möglich herzustellen bzw. zu erhalten?

Abgesehen von Kernbereichen, in denen der gesundheitliche Nutzen möglichst die gesamte Zielpopulation erreichender Früherkennungsuntersuchungen unstrittig ist (Säuglinge und Kleinkinder, Frauen in bestimmten Altersgruppen auf Cervix- und Mamma-Karzinom) variiert wegen der relativ großen Unsicherheiten in beiden Konzepten der Einsatz dieser unterschiedlichen Präventionsansätze international und im Zeitablauf in erster Linie in Abhängigkeit von der gesundheitspolitischen Steuerung. In der Bundesrepublik ist seit Beginn der siebziger Jahre das weltweit umfangreichste Angebot von bevölkerungsweiten Vorsorgescreenings und Gesundheitsuntersuchungen gewachsen. Die gegenwärtig angebotenen Programme erfüllen teilweise nicht die von der WHO z.B. bereits 1971 kodifizierten Regeln und Kriterien der Effektivität und Effizienz für die Einführung von Screenings.

Dies verdankt sich der Konstellation nahezu bevölkerungsweiter Finanzierung aller medizinisch für zweckmäßig gehaltenen Leistungen durch die GKV bei gleichzeitig weitgehender Definition des Zweckmäßigen durch die an Markt- und Einflusserweiterung interessierten Repräsentanten der Ärzteschaft, die sich ihrerseits einem beständig wachsenden und im Einzelnen oft nicht mehr abschätzbaren Angebot von Diagnose-Technologien gegenübersehen. Ausreichende Kosten-Wirksamkeits-Abschätzungen vor der Ingangsetzung dieser Programme sind ebenso die Ausnahme wie epidemiologisch aussagefähige Evaluationen der Durchführung.

Im Ergebnis dieser gesundheitspolitischen Fehlsteuerung werden zentrale Faktoren der Effektivität und Effizienz der medizinischen Früherkennungsprogramme deshalb oft nicht oder nicht hinreichend beachtet. Folgende typische Fehleinschätzungen und Defizite lassen sich feststellen:
Kluft zwischen diagnostischen Möglichkeiten und therapeutischen Fähigkeiten der Medizin (Befunde bei symptomlosen, gefährdeten Menschen ohne medizinisch-therapeutische Konsequenz; z.B. Stenosen der Herzkranzgefäße, erhöhte Leberwerte etc.);
Unterrepräsentierung von gefährdeten Gruppen bei der Inanspruchnahme entsprechender Früherkennungsuntersuchungen;
(teilweise methodisch bedingte) systematische Überschätzung des Behandlungserfolgs;
Wirksamkeitsabschätzungen unter atypischen Bedingungen (vor allem bei Kontrolle von Langzeittherapien);
Gefahr von Fehldiagnosen, vor allem bei seltenen Krankheiten (falsch positive Befunde);
Unterschätzung des medizinischen und organisatorischen Aufwandes und Überschätzung des Ausmaßes der Krankheitsverhinderung (vor allem bei Routine-Vorsorgeuntersuchungen);
Unterschätzung der Nebenwirkungen bei prophylaktischen Behandlungen (z.B. Langzeitbehandlungen mit Fettsenker Cholestyramin zur Verhinderung eines Herzinfarkts/Schlaganfalls);
Überschätzung der Effektivität der medizinischen Untersuchung im Hinblick auf die Aneignung gesundheitlich wünschbare Verhaltensänderungen;
Unterschätzung der Früherkennungskapazität der ärztlichen Versorgung auch ohne Früherkennungsprogramme;
Kosten der Früherkennungsprogramme 'pro verhindertem Fall' werden selten mit alternativen Möglichkeiten der Risikosenkung/Prävention in Beziehung gesetzt.

Überflüssige Check-up Untersuchungen

Im Vergleich zu den restriktiven Bedingungen, auf die die Programmierung und Durchsetzung von Projekten der Primärprävention trifft zeigt sich, dass die gesundheitspolitische Regulierung (Zulassung, Aufgabenzuweisung, Finanzierung) für die Frage der Durchführung gesundheitsbezogener Programme eine erheblich größere Rolle spielt als die Frage der absehbaren Effektivität und Effizienz der Intervention. Bezogen auf das Ziel 'Senkung von Erkrankungswahrscheinlichkeiten' liegen der Primär- und und der Sekundärprävention in der Bundesrepublik höchst unterschiedliche Maßstäbe der Risikoabschätzung und Nutzenerwartung zu Grunde. Während in der internationalen Diskussion seit Jahren zu einem eher restriktiven Umgang mit neuen Früherkennungsprogrammen und insbesondere zu einer sorgfältigen epidemiologischen Abschätzung vor Ingangsetzung geraten wird, wurde in der Bundesrepublik 1989 mit der Einführung einer alle zwei Jahre empfohlenen Check-up-Untersuchung für alle Versicherten ab dem 35. Lebensjahr ein gegenläufiges Signal gesetzt, dessen Kosten von Experten auf jährlich ca. 600 Millionen DM (ohne Behandlungskosten) geschätzt werden. Ein wenig beachtetes Problem besteht in diesem Zusammenhang darin, dass einmal eingeführte Screenings wegen ihres hohen sozialpolitischen Symbolwerts auch dann nur sehr schwer wieder abgeschafft werden können, wenn sich ihre epidemiologische Unwirksamkeit erwiesen hat.

Das Gesundheitsparlament weist darauf hin, dass die Check-up-Untersuchungen keinen Gesundheitsnutzen für die Bevölkerung mit sich bringen und ein Einsatz dieser Mittel für gesundheitsförderliche Initiativen oder Selbsthilfegruppen wirksamer und sinnvoller wäre.


12.5. Verringerung von auf Gewalteinwirkungen und Unfälle zurückzuführende Verletzungen

Unfälle und Gewalt hängen stark mit der Gestaltung der allgemeinen Lebensbedingungen eng zusammen.
"Gesundheit entsteht durch gesamtgesellschaftliches Handeln. Viele der größten gesundheitlichen Belastungen gehen zwar auf Risikofaktoren wie Rauchen und zu wenig Bewegung zurück, die eigentlichen "Schurken" sind jedoch Armut und sozioökonomische Benachteiligung. Bemerkenswert ist, dass in Gesellschaften mit gleichem Einkommensniveau aber weniger ausgeprägten Verteilungsungerechtigkeiten der soziale Zusammenhalt normalerweise besser ist, dass man dort weniger Gewaltverbrechen findet und eine niedrigere Sterbeziffer antrifft. Letzteres gilt vor allem für die Sterbefälle auf Grund von Herzkrankheiten. Daraus ist zu schließen, dass eine aufgeklärte Wirtschaftspolitik, soziale Unterstützung und gute zwischenmenschliche Beziehungen einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit leisten können. Ein integriertes, multidisziplinäres und sektorübergreifendes Konzept der gesundheitlichen Entwicklung ist somit effektiver, effizienter und kostenwirksamer als getrennte, vertikale Ansätze einzelner Sektoren." (EUR/RC 48/9, S.11)

Das Gesundheitsparlament unterstützt die Strategievorschläge der WHO zur Verminderung der Gesundheitsschäden durch Gewalteinwirkungen und Unfälle und weist auf die komplexen Wechselwirkungen hin, die auch in der Bundesrepublik Deutschland sektorübergreifende, ganzheitliche und vernetzte Bewältigungskonzepte erfordern.

12.6. Katastrophenfälle

fortsetzung zweite Seite

[Startseite] [Das G-parlament] [Charta] [Neues und Gutes] [Veranstaltungen] [Foren] [Kontakt]